Bedingungsloses Grundeinkommen: Nicht Gnade. Recht.

Bedingungsloses Grundeinkommen.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist keine Wohltat. Es ist auch kein freundlicher Zusatz zu einem System, das im Kern schon gerecht wäre. Es ist etwas anderes, nüchterner und radikaler zugleich: die Anerkennung, daß kein Mensch erst beweisen muß, daß er leben darf.

Wer Menschenwürde sagt, muß auch Existenzsicherung sagen. Nicht als Almosen. Nicht als Belohnung für Angepaßtheit. Auch nicht als Leistung, die man sich durch Wohlverhalten verdient. Eine Gesellschaft, die sich auf Würde und Grundrechte beruft, darf das Lebensnotwendige nicht an Beschämung, Kontrolle und Verwertbarkeit knüpfen.
Denn genau dort liegt der Bruch. Der Staat kann nicht feierlich erklären, die Würde des Menschen sei unantastbar, und zugleich Menschen immer wieder zwingen, ihre Armut offenzulegen, ihre Lebensführung zu rechtfertigen und ihre Bedürftigkeit gegen Verdacht zu verteidigen. Das ist kein kleiner Widerspruch. Das geht an die Substanz.

Die gegenwärtige soziale Sicherung tut aber genau das. Sie fragt, prüft, mißt, ordnet ein, kürzt und sanktioniert. Sie will wissen, ob jemand bedürftig genug ist, verfügbar genug, zumutbar belastbar, ausreichend mitwirkungsbereit. Sie verwaltet nicht nur Armut. Sie macht Armut verdächtig.

Wer Hilfe braucht, wird behandelt, als müsse er oder sie zuerst beweisen, kein Mißbrauchsfall zu sein.

Das beschädigt Menschen. Das macht Menschen kaputt. Nicht erst dann, wenn ein Bescheid falsch ist. Nicht erst dann, wenn eine Sanktion verhängt wird. Schon die dauernde Unterstellung, ein Mensch müsse kontrolliert werden, bevor ihm die Mittel zum Leben zugestanden werden, ist eine Form staatlicher Herabsetzung. Bedürftigkeit wird zum Makel. Armut wird erklärungspflichtig. Hilfe gibt es nur gegen Einblick, gegen Unterordnung, gegen Gehorsam gegenüber Verfahren, die tief in das persönliche Leben greifen.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen setzt hier an. Es zieht eine Grenze, die längst hätte gezogen werden müssen: Die Existenz eines Menschen darf kein Druckmittel sein.

Es behauptet nicht, alle Unterschiede aus der Welt zu schaffen. Es löst nicht jedes soziale Problem. Aber es beendet einen Skandal: daß Menschen um die Voraussetzungen eines würdigen Lebens bitten müssen. Niemand soll sich klein machen müssen, nur um essen, wohnen, heizen und am Leben der Gesellschaft teilzuhaben.

Von der Wiege bis zur Bahre braucht der Mensch einen Boden, der nicht unter Vorbehalt steht. Kindheit, Krankheit, Erwerbslosigkeit, Sorgearbeit, Alter, Krise, Scheitern und Neubeginn sind keine Abweichungen vom Normalfall. Sie sind Teil des menschlichen Lebens. Eine Gesellschaft, die solche Lebenslagen erst nachträglich, prüfend und mißtrauisch absichert, hat vom Menschen zu wenig begriffen. Sie sieht zuerst die Funktion. Erst danach, vielleicht, die Person.

Freiheit ist mehr als ein Wort im Gesetz. Wer aus Angst vor Wohnungslosigkeit, Schulden, Hunger oder sozialem Absturz jede Bedingung annehmen muß, ist nicht frei. Wer in entwürdigender Arbeit bleibt, weil die Alternative existentielle Not ist, entscheidet nicht frei. Wer in gewaltvollen oder abhängigen Verhältnissen ausharrt, weil der ökonomische Ausweg hinaus versperrt ist, lebt unter Zwang.

Ein Grundeinkommen schafft diesen Zwang nicht aus der Welt. Aber es schwächt ihn dort, wo er am härtesten wirkt: beim Zugriff auf die Existenz.

Darum ist das bedingungslose Grundeinkommen auch ein Mittel gegen Ausbeutung. Es verändert die Machtfrage. Wer Nein sagen kann, ist weniger erpreßbar. Wer nicht jede Zumutung schlucken muß, kann auch im Arbeitsleben Würde verlangen. Schlechte Löhne, schlechte Bedingungen und erniedrigende Behandlung verschwinden dadurch allerdings nicht von selbst. Aber sie verlieren ihren stärksten Verbündeten: die nackte Not.
Auch Diskriminierung lebt nicht nur von Vorurteilen. Sie lebt von Abhängigkeiten, von verschlossenen Türen, von ungleichen Risiken. Armut, Alleinerziehung, Pflege, Behinderung, Rassismus, Benachteiligung aufgrund des Geschlechts, Herkunft, Religion, Alter oder Lebensform setzen Menschen oft unter besonderen ökonomischen Druck. Dieser Druck macht verletzlich. Er macht abhängig. Er macht es schwerer, Rechte durchzusetzen.

Ein Grundeinkommen hebt Diskriminierung nicht auf. Aber es nimmt ihr ein Werkzeug: die existentielle Erpreßbarkeit.

Der Wert eines Menschen liegt nicht in seiner Verwertbarkeit. Dieser Satz darf keine Sonntagsrede bleiben. Er muß Folgen haben.

Vieles, was eine Gesellschaft trägt, steht nicht auf einer Lohnabrechnung oder wird schlecht bezahlt: Kinder erziehen, Angehörige pflegen, Nachbarinnen und Nachbarn beistehen, zuhören, trösten, sich kümmern, lernen, gesund werden, neu anfangen. Eine Ordnung, die nur Erwerbsarbeit als vollgültigen Beitrag anerkennt, verkennt die Wirklichkeit. Gesellschaft wird nicht allein durch Märkte zusammengehalten. Sie lebt von Arbeit, die oft nicht gesehen wird.

Das heißt nicht, Arbeit geringzuschätzen. Im Gegenteil. Es heißt, Arbeit von Zwang zu unterscheiden.

Arbeit hat Würde, wenn Menschen ihr zustimmen können, ohne mit dem Absturz bedroht zu sein. Arbeit verliert ihre Würde, wenn Menschen durch sie verbraucht, erniedrigt oder gefügig gemacht werden. Ein Grundeinkommen ist daher kein Angriff auf Arbeit. Es ist ein Angriff auf die Verwechslung von Arbeit und Unterwerfung.

Diese Forderung gilt für alle Menschen, die in diesem Land leben. Nicht nur für die Angepaßten. Nicht nur für die Leistungsfähigen. Nicht nur für jene, die gerade in das Bild der Nützlichkeit passen. Würde unterscheidet nicht zwischen brauchbaren und weniger brauchbaren Menschen. Genau daran zeigt sich, ob sie ernst gemeint ist.

Für Jüdinnen und Juden sowie Christinnen und Christen hat diese Frage einen besonderen Klang. Nicht, weil es um ein Sonderanliegen religiöser Gruppen ginge. Sondern weil der hebräisch-humanistische Grund von Tora und Bibel immer wieder daran erinnert, daß eine Gesellschaft nicht an der Stärke der Starken gemessen wird. Sondern daran, wie sie mit Armen, Fremden, Witwen, Waisen und Schutzlosen umgeht.
Die biblische Tradition kennt Eigentum nicht als schrankenloses Recht gegen den Menschen. Sie kennt Arbeit nicht als Götzen. Sie kennt Macht nicht als Selbstzweck. Sabbat, Schuldenerlaß und Jubeljahr tragen eine Erinnerung in sich, die bis heute stört: Menschen sollen nicht dauerhaft ökonomischer Herrschaft unterworfen sein.

Diese Erinnerung ist nicht erledigt. Sie richtet sich gegen jede Ordnung, die Menschen durch Not gefügig macht.

Wer aus Tora und Bibel spricht, kann Armut, Beschämung und Ausbeutung nicht als bedauerliche Nebenwirkungen hinnehmen. Mildtätigkeit reicht nicht. Hilfe kann Not lindern. Gerechtigkeit fragt weiter. Sie fragt, warum Menschen immer wieder in Not gebracht werden. Und warum sie dort gehalten werden.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist daher keine Bitte um mehr Freundlichkeit. Es ist die Forderung, Menschenwürde materiell ernst zu nehmen. Es verlangt, daß der Staat nicht zuerst prüft, ob ein Mensch der Existenzsicherung würdig ist. Es verlangt, daß Teilhabe nicht von Beschämung abhängt. Es verlangt, daß Freiheit nicht am Kontostand zerbricht.

Eine Grundordnung, die Menschenwürde an erste Stelle setzt, muß mehr leisten als schöne Worte. Sie muß verhindern, daß Menschen durch Angst regierbar werden. Sie muß verhindern, daß Armut als Disziplinierungsmittel dient. Sie muß verhindern, daß Hilfe nur zu Bedingungen gewährt wird, die Hilfesuchende klein machen.

Das bedingungslose Grundeinkommen ist nicht die Lösung aller Fragen. Es ist nicht das Ende aller Ungerechtigkeit. Aber es ist eine klare Grenze gegen ein Unrecht, das jetzt schon viel zu lange verwaltet wird: daß Menschen ihre Existenz sichern müssen, indem sie ihre Würde preisgeben.

Darum ist es zu fordern.

Nicht als Gnade.
Nicht als Ausnahme.
Sondern als Recht.