Andere Fragen. Hans Denck im Schatten von Luther und Zwingli
Hans Denck, auch Johann(es) Denk/Dengg (ca. 1500 – 1527)
Seine Zeitgenossen wussten nicht recht, wohin sie ihn stellen sollten. Martin Bucer nannte ihn den „Papst“ der Täufer, Urbanus Rhegius ihren „Abt“, Heinrich Bullinger ihren „Rabbi“ und Berchtold Haller ihren „Apollo“. Jede dieser Zuschreibungen verrät den Versuch, eine Gestalt zu fassen, die sich einer klaren Einordnung entzog. Hans Denck, um 1500 im oberbayerischen Habach geboren und im November 1527 in Basel an der Pest gestorben, gehört zu den schwer greifbaren Figuren der frühen Reformationszeit – und womöglich zu den aufschlussreichsten unter ihnen.
Ein Humanist am Rand der Täuferbewegung
Dencks Weg führte über die gelehrten Zentren seiner Zeit. Im Jahr 1517 immatrikulierte er sich an der Universität Ingolstadt, zwei Jahre später erwarb er den Grad eines Bakkalaureus. Später hielt er sich in Basel auf, wo er als Korrektor bei Andreas Cratander und Valentin Curio arbeitete und die letzten drei Bände einer vierbändigen griechischen Grammatik des Theodorus Gaza betreute. Er beherrschte Latein, Griechisch und Hebräisch und bewegte sich in den humanistischen Kreisen der Epoche. Zeitweise besuchte er die Jesaja-Vorlesungen des Johannes Oekolampad, ohne sich dessen Theologie anzueignen.
Diese humanistische Prägung machte Denck jedoch nicht zum Rationalisten, sie verband sich bei ihm mit einer Frömmigkeit, die stärker aus der Mystik als aus der universitären Scholastik lebte. Prägender als jeder akademische Lehrer wirkte auf ihn die spätmittelalterliche deutsche Mystik. Die von Luther 1518 neu herausgegebene „Theologia Deutsch“ sowie die Predigten des Johannes Taulers formten Dencks religiöses Denken nachhaltig. Hinzu kam der Einfluss der mystischen Theologie Thomas Müntzers.
Der Bruch mit der obrigkeitlichen Reformation vollzog sich früh und radikal. Im Jänner 1525 verurteilte ihn der Nürnberger Rat zur Ausweisung. Unter Androhung von Haft musste er schwören, sich der Stadt zeitlebens nicht auf mehr als zehn Meilen zu nähern. Der Weg zurück zu Frau und Kindern war ihm damit verschlossen; ihr Unterhalt sollte aus seinem eingezogenen Vermögen bestritten werden. Die folgenden Jahre wurden zu einem Wanderleben zwischen St. Gallen, Augsburg und Straßburg: Augsburg verließ Denck unter wachsendem Druck, aus Straßburg wurde er im Dezember 1526 ausgewiesen. Im September 1527 fand der kranke und von Auseinandersetzungen erschöpfte Denck in Basel Zuflucht. Auf Wunsch Oekolampads verfasste er eine knappe Darlegung seiner Ansichten, die dieser unter dem irreführenden Titel „Hans Denks Widerruf „veröffentlichte.
Das Innere Wort und die Randstellung in der Täuferbewegung
Denck teilte mit den Täufern die Überzeugung, dass Christsein Nachfolge und nicht nur Zustimmung zu einer Lehre bedeute. Die Zurückhaltung gegenüber einer rein schriftgebundenen Frömmigkeit und die Einsicht, dass Gottes Wort nicht einfach mit der geschriebenen Schrift identisch sei, waren in der frühen Bewegung verbreitet. Sie entsprang dem Vorrang des gelebten Glaubens vor der Zustimmung zu Lehrsätzen.
Der eigentliche Kern seines Denkens lag jedoch in einer Zuspitzung, die ihn von der Hauptströmung abrückte: der Lehre vom „Inneren Wort“. Denck dachte das „Innere Wort“ als universale Größe – als eine Kraft, die in jedem Menschen wirkt, auch in Heiden und Juden, ja in der Schöpfung insgesamt. Wer die Wahrheit im Herzen trägt, so Denck, vermag sie nicht erst durch die Schrift, sondern durch Gottes lebendiges Wirken im Inneren zu erkennen. Dass dieses Wirken die Grenzen der Christenheit überschritt und Gott auch in Heiden und Juden am Werk sah, ist für die 1520er Jahre bemerkenswert weit gedacht. Es verschiebt das Kriterium des Gottesverhältnisses vom rechten Bekenntnis zur inneren Wahrhaftigkeit – und weist damit voraus auf jene Verbindung von Erkenntnis und gelebter Nachfolge, die weiter unten zur Sprache kommt.
Aus dieser Verlagerung ergab sich Dencks Distanz zu den äußeren Formen. Sakramente wie Taufe und Abendmahl konnten dem Herzen nichts hinzufügen. Getauft werden sollte allein, wessen Herz sich zuvor gewandelt hatte. Seine humanistische Bildung gab ihm die sprachliche und intellektuelle Beweglichkeit, um diese Frömmigkeit eigenständig zu durchdenken; an den Rand der Bewegung rückte ihn jedoch vor allem die mystische Innerlichkeit. Die Randstellung war somit kein biografischer Zufall, sondern folgte aus der Sache. Denck stand, wie die Referenzliteratur festhält, „somewhat apart" vom theologischen Hauptstrom der Täuferbewegung und ließ sich dort, wo er seine eigenen Akzente setzte, nicht als Sprecher der Bewegung verstehen.
Eine offene Forschungskontroverse: War Denck Universalist?
Die schwierige Einordnung setzt sich in der gegenwärtigen Forschung fort. Seit dem 16. Jahrhundert gilt Denck vielen als Vertreter der Allversöhnung, der Lehre von der endlichen Wiederbringung aller Dinge (Apokatastasis). Die Quellenlage ist jedoch zweideutig: In seinen erhaltenen Schriften bekennt sich Denck nirgends ausdrücklich zu dieser Position.
Eine im Jahr 2021 an der Duke University eingereichte „Honors Thesis” von Andrew Loran Raines vertritt die These, dass Dencks Gegner recht hatten – er habe tatsächlich geglaubt, dass alle Menschen am Ende zum Heil bestimmt seien. Eine maßgebliche Gegenposition hat Morwenna Ludlow bereits im Jahr 2004 formuliert. Sie hält fest, dass Denck wahrscheinlich kein Universalist war, seine Theologie jedoch den Universalismus nahelegt: Seine origineistisch geprägten Vorstellungen von Freiheit, von der Vergöttlichung des Menschen (Theosis) und von der Strafe als läuternde Größe laden dazu ein, ihm die Lehre des Origenes zuzuschreiben. Zudem ließen seine Herausforderungen reformatorischer Kernüberzeugungen seine Zeitgenossen kaum verstehen, wie er den Heilswillen Gottes für alle behaupten konnte, ohne Universalist zu sein. Tatsächlich hängt bei Denck das Verhältnis des Menschen zu Gott von der Antwort des Einzelnen ab, nicht an einer vorgängigen Zuwendung oder Verwerfung durch Gott – eine Absage an die doppelte Prädestination, die den Verdacht der Allversöhnung nur noch näherlegt.
Ähnlich verhält es sich mit dem älteren Verdacht des Antitrinitarismus, den unitarische Historiker wie Earl Morse Wilbur als geistige Ahnenschaft in Anspruch nahmen, ohne dass sich der Nachweis führen ließe. Auch hier ist Vorsicht geboten. Dencks erhaltene Schriften geben keinen belastbaren Grund, ihn eindeutig als Antitrinitarier zu bezeichnen. Plausibler ist es, ihn im weiteren Umfeld der süddeutschen Täuferbewegung zu sehen, deren jesuanische Prägung das Gewicht ohnehin weg von der spekulativen Dogmatik verlagerte. Wo das Heil in der Nachfolge und nicht in der Lehrformel gesucht wird, verliert die trinitarische Terminologie an Dringlichkeit. Was bei anderen Zurückhaltung gewesen sein mag, deuteten die Gegner bei Dencks als Leugnung.
Beide Verdächtigungen wurzeln in derselben theologischen Grundbewegung. Wer das Gewicht so radikal auf das innere, in jedem Menschen wirkende Wort und auf die tätige Beziehung verlagert, relativiert notwendig die dogmatischen Grenzziehungen – die trinitarische Formel ebenso wie die Scheidung von Erwählten und Verworfenen.
Erkenntnis als Nachfolge
Im Zentrum von Dencks Denken steht ein Satz, der seine gesamte theologische Grundhaltung verdichtet: „Niemand vermag, Christus wahrlich zu erkennen, es sei denn, daß er ihm nachfolge mit dem Leben. Und niemand vermag, ihm nachzufolgen, denn soviel er ihn zuvor erkennt." Erkenntnis und Nachfolge stehen hier in einem wechselseitigen Verhältnis. Christus lässt sich nicht theoretisch erfassen und anschließend befolgen; die Erkenntnis erschließt sich erst im Vollzug, und der Vollzug setzt ein Maß an Erkenntnis voraus. Theologie wird damit von einer Sache des zutreffenden Redens zu einer Sache der gelebten Beziehung, die sich im Tun bewährt.
Eine gegenwärtige Zuspitzung
Was Dencks Satz nicht ausdrücklich enthält, ist eine inhaltliche Bestimmung dessen, was Nachfolge bedeutet. An diesem Punkt lässt sich über Denck hinausgehen, sofern der Schritt offen gelegt wird. In einer modernen, vielleicht etwas ungeschönten Formulierung ließe sich sagen:
Christus erkennt man nicht, indem man über ihn richtig redet, sondern indem man sich auf seine Weise des Menschseins einlässt. Und diese Weise ist gewaltfrei, freiwillig, barmherzig, gerecht und nicht herrschend.
Die Paraphrase ist keine Auslegung des historischen Denck. Sie stellt eine gegenwärtige Aneignung seiner Grundstruktur dar. Ihre Konturen gewinnt diese Zuspitzung aus der biblischen Überlieferung. Die neutestamentliche Überlieferung verbindet die Erkenntnis Gottes mit der Person Jesu: „Wer mich sieht, sieht den Vater" (Joh 14,9) und „Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes" (Kol 1,15). Die ethische Bestimmung ergibt sich aus der Bergpredigt und der Passionsüberlieferung: „Liebt eure Feinde" (Mt 5,44); „Steck dein Schwert an seinen Ort" (Mt 26,52). Wer Erkenntnis an Nachfolge bindet und Nachfolge an diesen Christus, gelangt zu einer Ethik der Gewaltlosigkeit, die nicht erst durch spekulative Dogmatik begründet werden muss.
Dabei ist Dencks eigene Position von der modernen Aneignung zu unterscheiden. Für Denck war Christus nicht allein sittliches Vorbild, sondern eine innerlich wirkende Kraft, die vorgenommene Reduktion auf eine „Weise des Menschseins" verkürzt seine Theologie um deren mystischen Kern. Als offengelegte Zuspitzung erweist sich der Zugriff jedoch als tragfähig, nicht als Auslegung.
Nachwort zur Gestalt
Hans Denck war keine Nebenfigur der Reformation, sondern ein eigenständiger radikalreformatorischer Denker. Täuferisch geprägt und doch spiritualistisch entschieden, steht er zwischen Täuferbewegung, Humanismus, Mystik und Reformation. In einer von Luther und Zwingli beherrschten Epoche stellte er andere Fragen. Er gehört zu den wenigen Persönlichkeiten des 16. Jahrhunderts, welche die Kontroverse mieden und sich, wo sie unvermeidlich wurde, nur schweren Herzens darauf einließen. In seinen Schriften findet sich kein Zug von Herabsetzung oder Unfairness. Sein Verdienst liegt denn auch weniger in einer von ihm gegründeten Schule – seine Anhängerschaft blieb gering – als in der Beharrlichkeit, mit der er christlichen Glauben als Nachfolge verstand.
A. Kreider. Maschinell ins Deutsche übersetzt.
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Quellen
- Habach ist eine Gemeinde in Bayern, Deutschland, genauer gesagt im heutigen oberbayerischen Landkreis Weilheim-Schongau.
- Hans Denck, Schriften, Teil 2: Religiöse Schriften, hg. von Walter Fellmann, Gütersloh 1956, S. 45. Beleg für das Nachfolge-Zitat über MennLex.
- Denck-Zitat: Die genauere Originalform lautet: „Das mittel aber ist Christus, welchen nyemandt mag warlich erkennen, es sey dann, das er im nachvolge mit dem leben. Und nyemandt mag im nachvolgen, dann soviel er in zuvor erkennt“; Fundstelle: Hans Denck, Schriften, Bd. 2, S. 45.
- Morwenna Ludlow, „Why Was Hans Denck Thought To Be a Universalist?“, The Journal of Ecclesiastical History 55/2, 2004, S. 257–274.
- Andrew Loran Raines, „The Word of God in the Hearts of All Men“: Hans Denck and Anabaptist Universalism, Honors thesis, Duke University, 2021.
- Andrew Raines, „The Blasphemy of the Damned Will Stop in the End:“ The Universalism of Hans Denck (1500–1527), Historia Nova: The Duke Historical Review, Fall 2021.
- Christian Neff / Walter Fellmann, „Denck, Hans (ca. 1500–1527)“, GAMEO.
- Werner O. Packull, Mysticism and the Early South German-Austrian Anabaptist Movement 1525–1531, Scottdale 1977; als Beleg für die mystische Prägung der süddeutsch-österreichischen Täufbewegung.
- A. James Reimer, „God (Trinity), Doctrine of“, GAMEO/Mennonite Encyclopedia, als vorsichtigerer Hintergrund zur Trinitätsfrage in der Täuferbewegung.