Menno Simons (1496 – 1561)

Bild: Menno Simons (1496 – 1561)
Menno Simons (1496 – 1561). Unbekannte:r Künstler:in, „Noa“, in Anlehnung an Jacobus Burghart, 1683

Menno Simons (1496-1561) gehört zu den bekanntesten Persönlichkeiten der Täuferbewegung, aber seine Bekanntheit kann zu einem historischen Mißverständnis führen. Denn Menno ist weder Begründer der Täuferbewegung noch gehörte er zu deren erster Generation. Als im Januar 1525 in Zürich die früheste dokumentierte Glaubenstaufe der entstehenden Täuferbewegung vollzogen wurd, war Menno noch katholischer Priester in Friesland. Allerdings läßt sich die Entstehung der Bewegung nach Forschungsstand nicht einfach von einem einzigen Ursprungsort und einer einzigen Gründergruppe herleiten. Unterschiedliche reformatorische und täuferische Bewegungen entwickelten sich in verschiedenen Regionen teilweise eigenständig und beeinflußten einander erst im weiteren Verlauf. Die Forschung spricht von einer vielgestaltigen oder polygenetischen Entstehung der Täuferbewegung.

Zürich besitzt ebendeswegen für die Geschichte der Täuferbewegung eine besondere Bedeutung. Am 21. Januar 1525 kam es dort im Umfeld Konrad Grebels, Felix Mantz’ und Georg Blaurocks zu jenen Taufen auf das Bekenntnis auf den Glauben hin, die rückblickend einen entscheidenden Schritt zur Ausbildung einer von den Obrigkeiten unabhängigen Gemeinde bedeuteten. Aus diesem Umfeld entwickelte sich eine Täuferbewegung, in der die Bindung der Gemeinde an die freiwillige Glaubensentscheidung, die Nachfolge Jesu und die sich daraus ergebende Ablehnung des Schwerts grundlegende Bedeutung erhielten. Die ausgeprägte Lehre der Wehrlosigkeit wurde erst im weiteren Verlauf deutlicher formuliert und soll nicht undifferenziert auf sämtliche Zürcher Täufer:innen des Jahres 1525 zurückprojiziert werden. Und nein, die Taufe ist nicht Schwerpunkt der Täuferbewegung.

Daneben erwuchsen weitere Zentren. Für den niederdeutschen und niederländischen Raum kommt Emden eine besondere Bedeutung zu. Täufer:innen sind dort bereits um 1528 nachweisbar. Im Jahr 1530 taufte Melchior Hoffman in Emden vermutlich mehrere hundert Menschen. Von hier aus gewann die täuferische Bewegung in Ostfriesland und in den Niederlanden eine erhebliche Dynamik. Emden kann so als einer der frühen Ausgangspunkte des niederdeutsch-niederländischen Täufbewegung gelten, ohne daß deshalb Zürichs Bedeutung für die früher einsetzende schweizerische Entwicklung bestritten werden müßte.

Menno Simons trat in diese bestehende und außerordentlich vielfältige Bewegung ein. Geboren um 1496 im friesischen Witmarsum und 1524 zum Priester geweiht, beschäftigte er sich zunehmend mit Fragender Autorität der Schrift, des Abendmahls und der Taufe. Erst 1536 legte er sein Priesteramt nieder und schloß sich dem täuferischen Umfeld um Obbe Philips an, im Jahr 1537 wurde er zum Ältesten einer Täufergruppe gewählt. Zwischen der Zürcher Taufe von 1525 und Menno Simons eigentlichem Eintritt in die Bewegung liegen somit mehr als ein Jahrzehnt. Schon allein deshalb ist es historisch irreführend, von Menno Simons als Gründer der Täuferbewgung oder gar als Gründer der Mennoniten zu sprechen.
Mennos Wirken muß vor allem aus den Verhältnissen der niederländischen und norddeutschen Täuferbewegung der dreißiger und vierziger Jahre gesehen werden. Diese waren von schärfster Verfolgung, inneren Auseinandersetzungen und unterschiedlichen Vorstellungen über Gestalt und Auftrag der christlichen Gemeinde geprägt. Hinzu kamen die Ereignisse in Münster der Jahre 1534 und 1535. Plötzlich waren alle in den Rat der Stadt gewählten Mitglieder, täuferisch. Die traditionelle Bezeichnung „Täuferreich von Münster“ ist mit Vorsicht zu verwenden, weil die spätere Darstellung der Vorgänge in erheblichem Maß von den siegreichen Gegnern der Münsteraner Bewegung geprägt wurde. Das bedeutet nicht, die problematischen Entwicklungen innerhalb der Stadt zu verschweigen. Unter den Bedingungen der Belagerung entwickelten sich in Münster Ordnungsformen, die auch innerhalb der weiteren Täuferbewegung höchst umstritten waren. Dazu gehörte seit dem Sommer 1534 die religiös aus dem Ersten Testament begründete Vielehe. Ihre Einführung ist nicht lediglich aus den späteren Berichten der Sieger bekannt, sondern wird durch Schriften von Münsteraner Bewegung selbst bezeugt. Davon zu unterscheiden sind aber die polemischen Erzählungen von sexueller Zügellosigkeit oder einer angeblichen „Weibergemeinschaft“ mit denen Gegner das Geschehen später ausschmückten. Ursachen, tatsächliche Praxis und dem Maß des dabei ausgeübten Zwanges werden in der Forschung differenzierter beurteilt und müssen vor dem Hintergrund der Belagerung und der Bevölkerungsstruktur mit einem überdurchschnittlich hohen Frauenanteil der Stadt betrachtet werden. In ihrem obrigkeitlichen Handeln unterschieden sich die Machthaber in Münster damit nicht grundsätzlich von katholischen oder protestantischen Obrigkeiten ihrer Zeit. Wo abweichende religiöse Überzeugungen als Gefahr für die göttliche und gesellschaftliche Ordnung galten, wurde Zwang als legitimes Mittel betrachtet. Für eine dauerhaft pluralistische und gewaltfreie politische Ordnung standen im 16. Jahrhundert keine erprobten Vorbilder zur Verfügung, unter Belagerung nicht umsetzbar gewesen. Die Belagerung selbst endete in äußerster Gewalt, und die Erinnerung an Münster wurde anschließend über Jahrhunderte dazu benutzt, Täufer:innen insgesamt als politisch gefährlich und gewalttätig erscheinen zu lassen.

Menno Simons läßt sich nicht als der Mann beschreiben, der sich nach den Ereignissen von Münster von den dortigen Täufern abwandte und ihnen eine grundsätzlich andere Form der Täuferbewegung entgegensetzte. Menno stand selbst in dem niederländisch-friesischen melchioritischen Zusammenhang, aus dem auch wesentliche Impulse für die Bewegung in Münster hervorgegangen waren. Boten und Prediger bewegten sich zwischen den einzelnen täuferischen Gruppen und Gemeinden, und Menno befand sich bereits während seiner Zeit als katholischer Priester in unmittelbarer Auseinandersetzung mit diesem Kreis. Später blieben wichtige theologische Gemeinsamkeiten bestehen. Seine Kritik richtete sich nicht gegen „die Täufer von Münster“, sondern Ansprüche und Praktiken, insbesondere dort, wo apokalyptische Erwartung zur Begründung einer neuen religiösen Autorität, eines Königtums oder gewaltsamen Handelns herangezogen wurde. Die ältere Darstellung eines eindeutigen Bruches zwischen einem „münsterischen“ und einer anschließend von Menno geschaffenen „friedlichen“ Täuferbewegung verdeckt diese engeren Zusammenhänge.
Vor diesem Hintergrund gewinnt Menno Simons immer wieder verwendeter Wahlspruch sein besonderes Gewicht: „Einen anderen Grund darf niemand legen außer dem, welcher gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“ Der von Menno gebrauchte niederländische Wortlaut - „Daer en mach gheen ander fundament gheleyt worden...“ - läßt neben der Aussage des Nichtkönnens auch einen normativen Sinn erkennen: Niemand besitzt das Recht, einen anderen Grund zu legen. Entscheidend ist dabei, daß der Grund nicht erst durch eine neue Offenbarung, einen endzeitlichen Propheten, einen König oder eine neu errichtete heilige Ordnung geschaffen werden muß. Er ist bereits gelegt. Dieser „Grund“ bezeichnet dabei nicht lediglich den Gegenstand eines rechten Bekenntnisses, sondern den von Jesus vorgelebten Weg zu Gott. Ihm folgen heißt, die Welt gleichsam mit seinen Augen sehen: Verschiedenheit nicht vorschnell als Bedrohung begreifen, Menschen nicht auf Lehrsätze und Zugehörigkeiten reduzieren und zugleich das eigene wie das gemeinschaftliche Handeln immer wieder an seinem Leben und seiner Botschaft prüfen und, wo nötig, korrigieren. Der bereits gelegte Grund bewahrt so gleichermaßen vor dogmatischer Verengung wie vor der Beliebigkeit. Er eröffnet Vielfalt, ohne den Maßstab der Nachfolge preiszugeben. In diesem Sinne läßt sich Mennos Satz zugleich als Kritik an jeder religiösen Instanz verstehen, die sich zwischen Christus und die Gemeinde schiebt oder aus der Erwartung des bestehenden Reiches Gottes eine neue, über Christus hinausgehende Vollmacht ableitet. Menno gab dabei die apokalyptische Erwartung keineswegs einfach auf. Auch für ihn blieb das „Neue Jerusalem“ eine bedeutende Vorstellung. Er verlagerte dessen Verwirklichung jedoch in die erneuerte Gemeinde der Jesus nachfolgenden. Nicht eine neue Heilsordnung mußte gegründet werden - die Gemeinde hatte sich an dem bereits gelegten Grund auszurichten.

Mennos historische Bedeutung liegt vor allem in der Sammlung, Vernetzung und theologischen Prägung täuferischer Gemeinschaften im niederländischen und norddeutschen Raum unter den Bedingungen schwerer Verfolgung. Seine Stellung war weit weniger zentral, als ältere Darstellungen häufig annahmen. Neuere Untersuchungen zeigen, daß neben ihm zahlreiche andere Älteste und wandernde Prediger:innen selbständige Netzwerke unterhielten und daß manche Täufer Menno zwar dem Namen nach kannten, mit ihm aber kaum oder überhaupt keinen unmittelbaren Kontakt hatten. Menno schuf diese Gemeinden nicht aus dem Nichts heraus, vielmehr trat er in vorhandene Netzwerke ein und suchte, sie miteinander zu verbinden und theologisch zu prägen.

Erst im Laufe dieser Entwicklung und teils erst später, wurde sein Name zur Bezeichnung eines größeren Teiles der friedfertigen Täufer:innen. Daraus entstand der Name „Mennoniten“. Dieser spätere Sammelname darf nicht rückwärts auf die Entstehungsgeschichte projiziert werden. Täuferische Gemeinden in der Schweiz, im oberdeutschen Raum oder in anderen Regionen konnten eine eigenständige Geschichte besitzen, die älter war als Mennos täuferisches Wirken und institutionell nicht auf ihn zurückgehen. Wenn solche Gemeinschaften später als Mennoniten bezeichnet wurden oder diese Bezeichnung selbst übernahmen, bedeutete dies daher nicht, daß Menno Simons ihr Gründer gewesen wäre oder gar ein näherer Bezug besteht.
So erklärt sich das scheinbare Paradox: Es gibt mennonitische Konventionen, die historisch keinen unmittelbaren Bezug zu Menno Simons besitzen. Der Name „Mennoniten“ erinnert zwar sprachgeschichtlich an ihn. Die Geschichte der darunter zusammengefaßten Gemeinden beginnt keineswegs überall mit Menno. Er gab einer vorhandenen Bewegung in manchen Regionen eine nachhaltige theologische Prägung und wurde später zu ihrem Namensgeber. Die Täuferbewegung selbst ist älter, dezentraler und vielfältiger als die Bezeichnung „Mennoniten“ vermuten läßt.

 

Quelle: Webseite der Mennoniten-Gemeinde Augsburg (www.mennonitengemeinde.de) 2023. Autor, Keller: Menno Simons (1496 – 1561). Zugriff am 31. Dezember 2025.