queer – eine täuferisch-mennonitische Perspektive

LGBTQIA+, queer, Mennoniten.

Queere Menschen sind kein Randthema, sondern Teil der Gemeinde – Teil von Familien, Freundschaften und Nachbarschaften. Wer über Sexualität, Geschlechtsidentität und Beziehungen spricht, spricht nicht über „die anderen“, sondern über das menschliche Leben in all seiner Vielfalt.

Zur Begrifflichkeit: Die Begriffe „queer“, „LGBT“ und „LGBTQIA+“ überschneiden sich, sind aber nicht bedeutungsgleich und setzen unterschiedliche Akzente. LGBT steht für „Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender“ – also für lesbische, schwule, bisexuelle und transgeschlechtliche Menschen. Die erweiterte Form „LGBTQIA+“ bezieht weitere Perspektiven ein. Dabei steht „Q“ meist für „queer“, teilweise auch für „questioning“, „I“ für intergeschlechtliche Menschen und „A“ – je nach verwendeter Variante – unter anderem für asexuelle oder aromantische Menschen. Das „+“ schließt weitere sexuelle und romantische Orientierungen, Geschlechtsidentitäten und Selbstbezeichnungen ein.

Begriffe wie „lesbisch“, „schwul“, „bisexuell“ oder „homosexuell“ benennen sexuelle beziehungsweise romantische Orientierungen genauer. „Lesbisch“ und „schwul“ sind dabei häufig nicht nur Beschreibungen von Anziehung, sondern auch persönliche, soziale oder politische Selbstbezeichnungen. „Homosexuell“ bezeichnet allgemein die sexuelle oder romantische Anziehung zu Personen desselben Geschlechts. Der Begriff wird weiterhin verwendet, kann aufgrund seiner medizinischen und historischen Prägung jedoch distanzierter wirken als die Selbstbezeichnungen „lesbisch“ oder „schwul“.

„Gleichgeschlechtlich“ beschreibt demgegenüber eine Form von Anziehung, Beziehung oder sexuellem Kontakt zwischen Personen desselben Geschlechts, ohne zwingend eine bestimmte Identität vorauszusetzen. Nicht jede Person, die gleichgeschlechtliche Anziehung erlebt oder gleichgeschlechtliche Beziehungen führt, bezeichnet sich selbst als lesbisch, schwul oder homosexuell. Anziehung, Verhalten, Beziehung und Selbstbezeichnung sind daher nicht immer deckungsgleich.

„Queer“ wird häufig als offener Sammelbegriff für Menschen, Lebensweisen und Selbstverständnisse verwendet, die heterosexuelle, cisgeschlechtliche oder zweigeschlechtliche Normvorstellungen überschreiten oder infrage stellen. Zugleich dient der Begriff vielen Menschen als individuelle Selbstbezeichnung und kann eine politische oder gesellschaftskritische Haltung ausdrücken. Nicht alle Personen, die unter die genannten Abkürzungen gefasst werden, bezeichnen sich jedoch selbst als queer.

Intergeschlechtliche Menschen besitzen angeborene körperliche Geschlechtsmerkmale, die nicht vollständig den medizinischen oder gesellschaftlichen Normvorstellungen eindeutig männlicher oder weiblicher Körper entsprechen. Asexuelle Menschen empfinden keine, wenig oder nur unter bestimmten Bedingungen sexuelle Anziehung. Die genannten Bezeichnungen beziehen sich somit auf unterschiedliche Ebenen: sexuelle oder romantische Orientierung, Geschlechtsidentität, Geschlechtsausdruck und körperliche Geschlechtsmerkmale sollten nicht miteinander gleichgesetzt werden.

Das englische Wort „queer“ wurde lange als abwertende Bezeichnung verwendet. Vor allem seit den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren eigneten sich Teile der Community den Begriff bewusst an und deuteten ihn politisch und selbstbewusst um. Aufgrund dieser Geschichte lehnen manche Menschen die Bezeichnung weiterhin für sich ab. Entscheidend ist deshalb die jeweilige Selbstbezeichnung.

Im vorliegenden Text wird „queer“ als übergreifender Begriff verwendet. Er schließt unterschiedliche sexuelle Orientierungen, Geschlechtsidentitäten, Geschlechtsausdrücke und körperliche Geschlechtsmerkmale ein. Dabei bleibt zu berücksichtigen, dass nicht alle damit gemeinten Personen „queer“ als eigene Selbstbezeichnung verwenden.

Aus täuferisch-mennonitischer Perspektive zählt vor allem, wie Menschen miteinander leben. Christsein zeigt sich in dieser Tradition als Praxis, und nicht als abstrakte Lehre: ein Leben in Verantwortung, Gemeinschaft, Gewaltfreiheit und Gerechtigkeit. Das gilt auch für Sexualität und geschlechtliche Identität. Entscheidend ist nicht, wie Menschen nach vermeintlich vorgegebenen Kategorien eingeordnet werden, sondern ob ihre Beziehungen respektvoll, verbindlich, ehrlich, fürsorglich und frei von Zwang sind.

Friedenstheologie schärft diesen Blick. Frieden ist mehr als die Abwesenheit offener Gewalt – er fragt, ob Menschen angstfrei leben, ihre Geschichte erzählen und in ihrer Würde geschützt sein können. Wo Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität verletzt, unsichtbar gemacht oder nur geduldet werden, ist dieser Anspruch nicht eingelöst. Ein vages „Mitmeinen“ reicht nicht aus. Eine glaubwürdige Haltung sagt klar: Niemand muss einen Teil der eigenen Identität verstecken, um dazuzugehören. Gemeinschaft, Liebe, Verantwortung und Verbindlichkeit sind nicht an sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität gebunden – Beziehungen verdienen dieselbe ethische Ernsthaftigkeit.
Das heißt nicht Beliebigkeit, im Gegenteil: Eine bejahende Perspektive ist anspruchsvoll. Sie nimmt Sexualität ernst, weil sie verletzlich macht und prägt. Deshalb verlangt sie gegenseitige Zustimmung, Achtung, Verlässlichkeit, Ehrlichkeit und Schutz vor Ausnutzung. Diese Kriterien gelten unabhängig davon, ob eine Beziehung heterosexuell oder queer ist.

Die eigene Minderheitengeschichte sensibilisiert Mennonit:innen dafür, wie Macht, Ausgrenzung und Gruppendruck wirken — und dafür, wessen Stimmen in einer Gemeinschaft gehört werden und wessen Stimmen zum Schweigen gebracht werden. Eine Gemeinde, die Frieden ernst nimmt, wird besonders aufmerksam, wenn Menschen nur unter Bedingungen willkommen sind.

Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt gehört zur menschlichen Wirklichkeit und ist keine Bedrohung. Menschen sollten nicht auf ihre sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität reduziert, sondern als ganze Personen wahrgenommen werden. Für die Beurteilung von Beziehungen sind nicht äußere Erwartungen maßgeblich, sondern ihre Qualität: Respekt, Verantwortung und gegenseitige Fürsorge.

Das ist keine oberflächliche Toleranz, sondern gelebte Friedenspraxis: Frieden entsteht, wo niemand gegen sich selbst leben muss, um akzeptiert zu werden, und wo Gerechtigkeit nicht nur behauptet, sondern auch gelebt wird. Die täuferisch-mennonitische Perspektive ist deshalb klar: Queere Menschen gehören dazu. Würde ist nicht verhandelbar. Liebe, Beziehungen und Gemeinschaft werden nach denselben ethischen Kriterien betrachtet – unabhängig davon, ob Menschen überlieferte Vorstellungen entsprechen. Entscheidend ist, ob Leben und Beziehungen von Achtung, Gewaltfreiheit und Verantwortung geprägt sind.

 

#mennoniten, #queer, #LGBTQIA+, #LGBT, #queer-mennoniten