Die Zeugung Jesu — der Skandal

Wir dürfen uns nicht einreden lassen, Jesus wurde von einem Geist gezeugt

Der Skandal der Geburtsgeschichte Jesu liegt nicht darin, daß ein Kind angeblich auf übernatürliche Weise gezeugt wurde. Der eigentliche Skandal liegt tiefer: Die Erzählung spricht einem Kind Würde zu, dessen Herkunft gesellschaftlich angreifbar gemacht werden kann.

Über zweitausend Jahre hinweg wurde diese Geschichte mit Dogmen, Sexualmoral und kirchlicher Machtlogik überlagert. Aus einer Erzählung über Würde, Schutz und Anerkennung wurde eine Geschichte über Jungfräulichkeit, Reinheit und biologische Ausnahme. Die Frage wurde verengt: Wie kann ein Geist ein Kind zeugen? Doch diese Frage führt vom Kern der Erzählung weg.

Die Rede vom Geist ist keine antike Biologie. Sie erklärt keinen Zeugungsvorgang. Sie ersetzt keinen Vater. Sie beschreibt nicht, wie ein Kind körperlich entstanden sein soll. Wer den Text so liest, macht aus einer sozialen und theologischen Aussage eine absurde Naturbehauptung.

Biblische Texte arbeiten häufig mit Mehrfachsinn. Sie erzählen nicht nur, was äußerlich geschieht. Sie deuten zugleich, was gesellschaftlich auf dem Spiel steht. Die Geburtsgeschichte Jesu ist deshalb nicht als Bericht über einen biologischen Sonderfall zu lesen, sondern als Gegenerzählung zu Scham, Ausschluß und sozialer Kontrolle.

Im Mittelpunkt stehen ein Kind und seine Mutter, die unter Verdacht stehen.

Ob Josef der biologische Vater ist oder nicht, ist nicht der entscheidende Punkt der Erzählung. Entscheidend ist, daß Herkunft und die Art und Weise, wie ein Kind gezeugt wird, nicht als moralische Waffe gegen das Kind und seine Mutter eingesetzt werden darf. Die Geschichte entzieht genau dieser Waffe ihre Macht.

In patriarchalen Gesellschaften ist Herkunft nie nur Privatsache. Sie entscheidet über Ansehen, Zugehörigkeit, Erbrecht, religiöse Reinheit und soziale Anerkennung. Wer nicht eindeutig zugeordnet werden kann, wird schnell verdächtigt. Vor allem Frauen tragen die Last dieser Kontrolle. Ihr Körper, ihre Sexualität und ihr Ruf werden zu öffentlichen Angelegenheiten gemacht.

Genau hier setzt die Geburtsgeschichte Jesu an. Sie setzt Maria nicht auf die Anklagebank. Sie stellt die Ordnung in Frage, die Frauen über Sexualität, Schwangerschaft und Herkunft kontrolliert.

Das ist der entscheidende Bruch.

Maria wird nicht dadurch rehabilitiert, dass ihre sexuelle Unangreifbarkeit bewiesen wird. Eine solche Rehabilitierung bliebe in derselben Logik gefangen, die Frauen nach Reinheit, Gehorsam und männlicher Kontrolle bewertet. Die Erzählung geht weiter. Deutlich wird: Marias Würde hängt nicht an öffentlicher Zustimmung, nicht an patriarchaler Kontrolle und nicht an der Frage, ob ihr Ruf makellos erscheint.

Sie wird nicht der Beschämung preisgegeben.

Damit wird Herkunft entmoralisiert. Das Kind ist nicht weniger wert, weil seine Herkunft Fragen auslösen kann. Die Mutter ist nicht weniger würdig, weil über sie geredet werden kann. Der Verdacht verliert seine moralische Macht.

Auch Josef ist in dieser Erzählung keine Nebenfigur. Er verkörpert den Bruch mit einer bis heute bekannten Ehrlogik. Nach dieser Logik muß ein Mann seinen Ruf schützen, indem er sich von einer beschuldigten Frau distanziert. Er muß zeigen, daß er nicht betrogen, nicht beschämt, nicht lächerlich gemacht wurde. Die Frau wird so zum Schauplatz männlicher Ehre.

Josef handelt anders.

Er wird nicht gerecht angesehen, weil er Härte zeigt. Er wird gerecht, weil er die Logik der Bloßstellung unterbricht. Er nutzt seine soziale Position nicht, um Maria öffentlich zu beschämen. Er macht aus möglichem Recht kein Werkzeug der Demütigung. Er schützt, wo andere sich gerächt hätten. Er übernimmt Verantwortung, wo andere Abstand geschaffen hätten.

Das ist keine romantische Familienidylle. Es ist eine ernste soziale Aussage.

Die Erzählung zeigt: Gerechtigkeit besteht nicht darin, Ordnung auf Kosten der Schwächeren zu sichern. Gerechtigkeit zeigt sich dort, wo Menschen nicht der Beschämung ausgeliefert werden. Josef steht für eine Form von Männlichkeit, die nicht über Kontrolle, Besitzanspruch und öffentliche Ehre definiert ist. Er bricht mit der Erwartung, daß männliche Würde durch die Abwertung einer Frau wiederhergestellt werden müsse.

Damit wird auch die Vaterfrage entmachtet. In einer patriarchalen Ordnung ist die Frage nach dem Vater eine Machtfrage. Sie entscheidet darüber, wer zählt, wer gehört dazu, wer Anerkennung erhält. Die Geburtsgeschichte verschiebt diese Frage. Sie sagt nicht: Würde entsteht aus einer gesicherten Vaterlinie. Sie sagt: Würde darf nicht von Herkunftskontrolle abhängig gemacht werden.

Gerade darin liegt ihre Sprengkraft.

Spätere christliche Auslegungen haben diese Sprengkraft oft bis aufs Unkenntlichste entschärft. Sie hat aus Maria die makellose Frau gemacht, aus der Geburt ein Wunder, aus der Geschichte ein Dogma. Damit wurde die Erzählung häufig wieder in jene Reinheitslogik eingesperrt, die sie eigentlich durchbricht. Maria galt dann als würdig, weil sie nicht sexuell verdächtig war. Jesus galt als rein, weil seine Herkunft biologisch von menschlicher Sexualität getrennt wurde.

Das verfehlt jedoch den entscheidenden Punkt.

Die Geburtsgeschichte Jesu erzählt nicht, daß menschliche Sexualität ein Problem ist. Sie erzählt nicht, daß ein Kind nur dann würdig ist, wenn seine Herkunft über jeden Verdacht erhaben ist. Sie erzählt auch nicht, daß eine Frau sich vor einer Moral rechtfertigen muß, die aus Sexualität, Schwangerschaft und Herkunft eine Anklage macht.

Sie erzählt das Gegenteil.

Sie erzählt von einem Kind, dessen Leben nicht durch Herkunftsverdacht entwertet wird. Sie erzählt von einer Mutter, deren Würde nicht am Urteil anderer hängt. Sie erzählt von einem Mann, der sich der öffentlichen Beschämung verweigert. Und sie erzählt von einer Gemeinschaft, die lernen muß, Menschen nicht nach Herkunft, Gerücht und moralischer Kontrolle zu sortieren.

Darum muß diese Geschichte als Gegenerzählung gelesen werden: gegen Scham, gegen Ausschluß, gegen Herkunftsmoral, gegen die Kontrolle weiblicher Körper, gegen die religiöse Veredelung sozialer Gewalt.

Der Satz „vom Geist gezeugt“ darf nicht als biologische Erklärung mißverstanden werden. In der Logik der Erzählung bedeutet er: Dieses Leben gehört nicht der Verachtung. Dieses Kind ist nicht das Produkt einer Beschämung. Diese Mutter ist nicht auf den Verdacht gegen sie reduzierbar. Diese Herkunft darf nicht zur Anklage werden.

Der Skandal ist also nicht, daß Naturgesetze außer Kraft gesetzt werden. Der Skandal ist, daß die Erzählung einer Moral widerspricht, die Menschen nach Herkunft, Ruf und Sexualität bewertet.

Richtig gelesen ist die Geburtsgeschichte Jesu nicht fromm. Sie ist unbequem. Sie stellt sich gegen jede Ordnung, die Kinder für ihre Herkunft haftbar macht. Gegen jede Moral, die Frauen kontrolliert. Gegen jede Gemeinschaft, die Beschämung als Anstand tarnt.

Die Zeugung Jesu ist nicht der Skandal.

Skandalös ist eine Gesellschaft, die aus Herkunft Schuld macht.