Andreas Castelberger in den Anfängen der Schweizer Täuferbewegung
Andreas Castelberger, dessen Geburt um 1500 in Graubünden vermutet wird und der 1531 letztmals dokumentiert ist, zählt zu den weniger bekannten Personen der frühen Schweizer Täuferbewegung. Bereits vor der ersten Glaubenstaufe im Jahr 1525, die heute als Gründungsdatum der Bewegung gilt, war er in Zürich der Mittelpunkt eines Bibellesekreises, aus dem mehrere spätere Täufer:innen hervorgingen. Trotzdem blieb Castelberger in der Geschichtsschreibung im Vergleich zu Konrad Grebel, Felix Mantz, Georg Blaurock oder Michael Sattler weitgehend unbekannt. Was man über ihn weiß, findet sich verstreut in Briefwechseln, amtlichen Dokumenten und späteren Berichten. In ihrer Gesamtheit präsentieren diese Quellen das Bild eines Buchhändlers, Bibellesers und Vermittlers reformatorischer Literatur, dessen Wirken eng mit der Vorgeschichte der Zürcher Täuferbewegung verbunden war.
Der folgende Text wurde aus öffentlich zugänglichen Quellen zu einem Porträt Andreas Castelbergers zusammengetragen.
Über Castelbergers Herkunft und Jugend ist kaum etwas bekannt. Das Historische Lexikon der Schweiz verortet ihn als Bündner und weist ihn für die Jahre 1516 bis 1531 nach. Ein genauer Geburtsort und ein gesichertes Geburtsjahr fehlen jedoch. Eine erste mögliche Spur Castelbergers findet sich im Jahr 1516 in der Korrespondenz Huldrych Zwinglis. In zwei Briefen des Basler Humanisten Heinrich Glarean ist von einem Buchführer die Rede, der für Zwingli in Basel beschaffte Bücher übernehmen sollte. Die Herausgeber der Zwingli-Korrespondenz identifizierten diesen nicht namentlich genannten Buchführer mit hoher Wahrscheinlichkeit als Andreas Castelberger. Sollte diese Zuordnung zutreffen, wäre Castelberger bereits zu dieser Zeit im Buchverkehr zwischen Basel und Zwinglis Umfeld tätig gewesen. Die Quellen nennen ihn auch „Andres auf den Stülzen“ oder „den hinkenden Andres“, was sich auf eine körperliche Behinderung bezieht. Später lebte Castelberger mit seiner Familie in Zürich. Die gelegentlich anzutreffende Angabe, er sei um 1500 geboren, ist lediglich eine ungefähre Datierung und keine überlieferte Lebensangabe.
Seinen Lebensunterhalt verdiente Castelberger im Buchhandel. In der historischen Literatur begegnet dafür auch die Bezeichnung „Buchführer“: Gemeint ist ein Händler und Vermittler gedruckter Bücher und Schriften. Im frühen 16. Jahrhundert besaß eine solche Tätigkeit erhebliches Gewicht für die Verbreitung neuer theologischer und humanistischer Texte. Druckschriften bewegten sich zwischen den Druckzentren Basel, Zürich und anderen Städten und ermöglichten es, reformatorische Diskussionen weit über den unmittelbaren Wirkungsort ihrer Verfasser hinauszuführen. Castelbergers Beruf verband ihn früh mit diesem Kommunikationsraum. Dass er später bei den Kontakten der Zürcher Radikalen zu auswärtigen Reformatoren eine Rolle spielte, entsprach daher durchaus seiner beruflichen Tätigkeit. Das Historische Lexikon bezeichnet ihn ausdrücklich als Buchhändler; auch das Mennonitische Lexikon führt ihn in diesem Zusammenhang.
In Zürich traf Castelberger auf eine Reformbewegung, die sich anfänglich um Zwingli sammelte. In dessen Umfeld gab es humanistisch geprägte Studiengemeinschaften, in denen biblische Texte und alte Sprachen behandelt wurden. Zu diesem Kreis gehörten Konrad Grebel, Felix Mantz und Simon Stumpf. Gegen Ende des Jahres 1522 oder zu Beginn des Jahres 1523 trat daneben ein Kreis hervor, der mit Castelbergers Namen verbunden wurde. Die genaue Entstehungszeit lässt sich nicht bestimmen. Andrea Strübind hält aufgrund der erhaltenen Akten den Zeitraum von 1522 bis Anfang 1523 für wahrscheinlich. Strübind rät jedoch davon ab, dem Kreis aufgrund der wenigen Zeugenaussagen ein geschlossenes theologisches oder politisches Programm zuzuordnen.
Über die Entstehung dieses Lesekreises gibt vor allem eine spätere Aussage Heinrich Aberlis Auskunft. Aberli berichtete, dass Lorenz Hochrütiner, Wolf Ininger, Bartlime Pur bzw. Pfister und er den Wunsch hatten, sich regelmäßig zu treffen und sich in der evangelischen Lehre sowie in den Paulusbriefen unterweisen zu lassen. Sie suchten dafür eine geeignete Person und wandten sich an Castelberger. Demnach scheint Castelberger keine Gefolgschaft um sich gesammelt zu haben; die Initiative ging von Personen aus, die nach vertiefter biblischer Unterweisung suchten. Castelberger übernahm die Aufgabe des Lesers und Lehrenden. Diese Herkunft erklärt auch den Charakter des Kreises: Er bestand nicht ausschließlich aus akademisch gebildeten Humanisten oder Geistlichen, sondern schloss auch Handwerker und andere Laien ein.
Der Begriff „Lesekreis“ darf hier nicht im modernen Sinn als unverbindliche Gesprächsrunde verstanden werden. Vielmehr wurden biblische Texte vorgelesen, erläutert und gemeinsam besprochen. Nach den erhaltenen Nachrichten nahm der Römerbrief einen wichtigen Platz ein. Ähnliche Zusammenkünfte sind zur gleichen Zeit in St. Gallen nachweisbar und sowohl die Zürcher als auch die St. Galler Kreise mussten wegen wachsender Teilnehmerzahlen ihre Versammlungsorte wechseln. Die Beschäftigung mit der Schrift fand außerhalb der herkömmlichen kirchlichen Lehrstrukturen statt. Dadurch erhielten Personen ohne akademische Ausbildung Zugang zu theologischen Diskussionen, die zuvor weitgehend Geistlichen und Gelehrten vorbehalten gewesen waren.
Ob Frauen bereits am frühen Castelberger-Lesekreis beteiligt waren, lässt sich aus den erhaltenen Zeugnissen nicht sicher feststellen. Die namentlich bekannten Beteiligten sind Männer. In der weiteren Umgebung der frühen Zürcher Täuferbewegung treten Frauen jedoch bald deutlicher hervor, sodass aus ihrem Fehlen in den Berichten über den Lesekreis nicht auf einen grundsätzlichen Ausschluss geschlossen werden kann.
Die Verbindung Konrad Grebels zu Castelbergers Kreis ist ebenfalls belegt, wenn auch nicht durch eine förmliche Mitgliederliste. Grebel bezeichnete Lorenz Hochrütiner in einem Empfehlungsschreiben an Vadian als einen „Bruder“, der „mit uns das Wort gehört hat“. Seine weiteren Kontakte zu Castelberger und zu Personen aus diesem Kreis bestätigen die enge Verbindung. Das Mennonitische Lexikon hebt hervor, dass Grebel im Bibellesekreis um den Zürcher Buchhändler zunehmend mit reformatorischen Predigern aus den Zürcher Landgemeinden in Berührung kam. Bei Felix Mantz und weiteren späteren Täufern bestanden ebenfalls enge personelle Überschneidungen. Der Castelberger-Kreis war damit noch keine Täufergemeinde, gehörte aber zu jenem Umfeld, in dem sich wenige Jahre später die Zürcher Täuferbewegung formierte.
Nicht alle Äußerungen, die Castelberger zugeschrieben werden, lassen sich gleichermaßen sicher beurteilen. Die obrigkeitlichen Untersuchungen überliefern neben sachlichen Angaben auch Anschuldigungen und Gerüchte. Eine Aussage fällt auf, die in ähnlicher Weise in mehreren Zeugnissen wiedergegeben wird. Castelberger äußerte deutliche Kritik an Krieg und Solddienst. Ein Mann, der aus eigenem Vermögen leben könne und dennoch für Sold in den Krieg ziehe, dort Menschen töte und sich deren Besitz aneigne, sei seiner Auffassung nach vor Gott „ein morder“. Diese Aussage steht im Zusammenhang mit seiner Auslegung evangelischer Lehre. Ob daraus bereits eine vollständig entwickelte Lehre christlicher Gewaltlosigkeit abgeleitet werden kann, bleibt offen. Überliefert ist jedoch seine Kritik am Kriegs- und Söldnerwesen. Ein umfassendes sozialpolitisches Programm lässt sich ihm jedoch kaum zuschreiben.
In den Jahren 1523 und 1524 veränderte sich das Verhältnis zwischen Zwingli und einem Teil seiner bisherigen Anhängerschaft. Auf der Zweiten Zürcher Disputation im Oktober 1523 wurde unter anderem über Messe und Bilder diskutiert. Grebel und Simon Stumpf verlangten weitergehende und raschere Veränderungen. Zwingli bestand jedoch darauf, dass die praktische Durchführung der Reformen dem Zürcher Rat obliege. Der Konflikt betraf somit nicht nur einzelne Glaubensfragen, sondern auch die Frage, wer über die kirchliche Ordnung entscheiden durfte. Im Jahr 1524 rückte die Kindertaufe zunehmend in den Mittelpunkt. Grebel, Mantz, Wilhelm Reublin, Johannes Brötli und Castelberger gehörten zu denjenigen, die ihre biblische Begründung bestritten.
Im Jahr 1524 nahmen Grebel, Castelberger und weitere Angehörige ihres Zürcher Umfelds Kontakt zu Reformatoren außerhalb Zürichs auf. So ist für den 5. September 1524 ein Schreiben an Andreas Bodenstein von Karlstadt bezeugt, das er im Namen seiner Zürcher Mitstreiter verfasste. Der Brief ist nicht erhalten, wird aber in der kritischen Karlstadt-Edition anhand der zeitgenössischen Überlieferung rekonstruiert. Karlstadt befand sich damals bereits im Konflikt mit Martin Luther und musste Sachsen wenig später verlassen. Über seinen Vertrauten Gerhard Westerburg gelangten mehrere seiner Schriften nach Zürich. Von dort aus führten die Kontakte weiter nach Basel, wo Karlstadts Traktate gedruckt wurden. An diesem Punkt trafen sich Castelbergers Tätigkeit im Buchhandel und seine Stellung im Zürcher Kreis unmittelbar.
Am selben 5. September 1524 entstand das bekanntere Schreiben an Thomas Müntzer. Es wird häufig nach Konrad Grebel benannt, war von der Form her jedoch ein Kollektivschreiben. Neben Grebel gehörten Castelberger, Felix Mantz, Hans Ockenfuss, Bartlime Pur, Heinrich Aberli und Hans Hujuff zu den Unterzeichnern. In dem Text wurden Fragen behandelt, die den Zürcher Kreis inzwischen deutlich von Zwinglis Reformationsweg entfernten: die Gestalt der christlichen Gemeinde, der Gottesdienst und das Abendmahl, die Taufe sowie der Gebrauch von Gewalt. Die Unterzeichnenden lehnten die Kindertaufe mangels biblischer Grundlage ab und widersprachen Müntzer in der Frage bewaffneter Gewalt. Da der Brief durchgehend aus der Perspektive der Gruppe formuliert wurde, lässt er sich nicht ohne Weiteres in persönliche Bekenntnisse der einzelnen Unterzeichnenden zerlegen. Er zeigt jedoch, welchen Positionen Castelberger im Herbst 1524 gemeinsam mit diesem Kreis öffentlich Gewicht verlieh.
Im Januar 1525 erreichte der Konflikt um die Taufe eine neue Stufe. Am 17. Januar vertraten die Gegner der Kindertaufe ihre Position in einer Disputation vor dem Zürcher Rat. Der Rat verwarf ihre Argumentation und untersagte weitere entsprechende Zusammenkünfte. Am 21. Januar richtete sich ein weiterer Ratsbeschluss gegen die führenden Vertreter der oppositionellen Bewegung. Grebel und Mantz, die das Zürcher Bürgerrecht besaßen, wurde weiteres Agitieren untersagt. Zugleich verbot der Rat die besonderen Bibel- und Lesekreise. Die auswärtigen Reublin, Brötli, Hätzer und Castelberger wurden aus Zürich verwiesen. Dies bedeutete eine obrigkeitliche Ausweisung und keine freiwillige Abreise.
Noch am Abend des 21. Januar 1525 kam es zu einer Zusammenkunft von Gegnern der Kindertaufe, bei der die ersten Glaubenstaufen vollzogen wurden. Der genaue Ablauf ist nur aus späteren Berichten bekannt. Demnach bat Georg Blaurock, der erst seit kurzer Zeit im Zürcher Umfeld der Taufgegner hervortrat, Konrad Grebel um die Taufe. Grebel taufte ihn und anschließend taufte Blaurock weitere Anwesende. Dieses Geschehen gilt gewöhnlich als Beginn der Schweizer Täuferbewegung. Ob Andreas Castelberger an der Zusammenkunft teilnahm oder zu den an diesem Abend Getauften gehörte, ist nicht belegt. Dokumentiert sind hingegen seine Ablehnung der Kindertaufe, seine Verbindung zu Grebel und Mantz sowie seine wenige Stunden zuvor ausgesprochene Ausweisung.
Die Ausweisung führte bei Castelberger allerdings nicht zu einer sofortigen Abreise. Aufgrund seiner körperlichen Behinderung erhielt er für sich und seine Familie einen Aufschub. Zeugenaussagen aus dem Juni 1525 zeigen, dass sein Haus und seine Tätigkeit den Zürcher Behörden weiterhin auffielen. So berichteten zwei Frauen, H. Scheffler, ein bei Castelberger wohnender Mieter, habe ihnen von zahlreichen Bauern erzählt, die bei Castelberger ein- und ausgingen. Castelberger habe ihnen Zwinglis Schrift über die Taufe ausgelegt, darin Fehler aufgezeigt und die Wiedertaufe befürwortet. Scheffler schrieb ihm zudem Äußerungen gegen den Zehnten und die Obrigkeit zu. Diese Angaben sind mit Vorsicht zu verwenden. Einerseits beruhen sie teilweise auf Aussagen aus zweiter Hand, andererseits bestand zwischen Scheffler und seinem Hauswirt offenbar ein belastetes Mietverhältnis. Sicher belegt ist hingegen, dass Castelberger noch Monate nach dem Ausweisungsbeschluss Gegenstand obrigkeitlicher Nachforschungen war.
Aus dem Frühjahr 1525 ist ein undatiertes Schreiben Konrad Grebels an Castelberger erhalten. Es dürfte zwischen dem 20. März und dem 27. Mai entstanden sein. Grebel berichtet darin von seinem Versuch, Zürich gemeinsam mit dem zuvor aus der Haft entkommenen Felix Mantz zu verlassen. Mantz hatte sich eine Zeit lang bei Grebel aufgehalten und war anschließend in sein eigenes Haus zurückgekehrt, während Grebel in der Nacht den Weg aus der Stadt suchte. Geschlossene Stadttore und aufgestellte Wachen verhinderten jedoch sein Vorhaben. Das Schreiben zeigt zugleich, dass Grebel Castelberger über seine Pläne und die Vorgänge innerhalb des verfolgten Täuferumfelds unterrichtete.
Nach seiner Zeit in Zürich führte Castelbergers Weg ihn wieder nach Graubünden. Die Überlieferungen werden nun noch spärlicher. In der mennonitischen Forschung sind Verbindungen nach Chur und der Versand von Büchern dorthin bezeugt. Zugleich fasste die Täuferbewegung in Graubünden Fuß. Auch Georg Blaurock und Felix Mantz wirkten dort, und der Churer Reformator Johannes Comander beobachtete die Entwicklung mit erheblichem Misstrauen. Für den 17. März 1528 ist eine Beschwerde über Castelbergers Tätigkeit in Chur überliefert. Werner O. Packull, der sich eingehend mit den Ursprüngen der Schweizer Täuferbewegung beschäftigte, führt diesen Beleg ausdrücklich an.
Die letzte gesicherte Spur führt ins Jahr 1531, in dem Castelberger im Historischen Lexikon der Schweiz verzeichnet ist. In der Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online wird darauf hingewiesen, dass 1531 ein Castelberger das Churer Bürgerrecht erhielt. Die Identifizierung mit Andreas Castelberger wird dort allerdings nur als wahrscheinlich bezeichnet. Diese Zurückhaltung ist angebracht. Danach verlieren sich seine Spuren. Ein Todesdatum ist nicht bekannt und auch Chur lässt sich nicht sicher als sein Sterbeort bestimmen. Die verbreitete Lebensangabe „ † nach 1531 in Chur” gibt daher mehr Gewissheit vor, als die Quellen erlauben. Präziser ist die Feststellung, dass Castelberger 1531 letztmals beziehungsweise wahrscheinlich letztmals in Chur fassbar wird und sein weiteres Schicksal unbekannt bleibt.
Die Überlieferungen zu Castelberger sind spärlich, doch sein Name taucht an mehreren für die Vorgeschichte und Entstehung der Zürcher Täuferbewegung bedeutenden Stellen auf. Bereits 1516 war er mit dem Umfeld Zwinglis verbunden. Er verdiente seinen Lebensunterhalt im Buchhandel, leitete einen der frühen Zürcher Bibellesekreise und stand mit Personen in Verbindung, die später den Kern der Täuferbewegung bildeten. In den erhaltenen Aussagen äußert er eine deutliche Kritik am Solddienst. Im Jahr 1524 beteiligte er sich an den Kontakten des radikalen Zürcher Kreises zu Karlstadt und Müntzer. Spätestens zu diesem Zeitpunkt gehörte er zu den Gegnern der Kindertaufe. Im Januar 1525 wurde er deshalb zusammen mit anderen Auswärtigen aus Zürich ausgewiesen. Ein Brief Grebels dokumentiert den fortbestehenden Kontakt, bevor Castelberger wieder in Graubünden erscheint. Für Chur ist noch aus dem Jahr 1528 eine Beschwerde über seine Tätigkeit überliefert. Keiner dieser Punkte für sich genommen macht ihn zum Begründer der Täuferbewegung. Zusammen genommen erklären sie jedoch, weshalb seine Rolle in dessen Vorgeschichte nicht auf die eines beiläufig erwähnten Buchhändlers reduziert werden kann.
Castelberger fand schon früh Eingang in die Täuferforschung der nordamerikanischen Mennoniten. Im Jahr 1927 veröffentlichte die vom Goshen College in Indiana herausgegebene Zeitschrift Mennonite Quarterly Review Grebels Brief an Castelberger unter dem Titel „A Letter from Conrad Grebel to Andreas Castelberger, May, 1525“. Die Edition wurde von Ernst Correll und Harold S. Bender betreut, Edward Yoder transkribierte den lateinischen Brieftext und übersetzte ihn ins Englische. Leonhard von Muralt hob wenige Jahre später den bedeutenden Beitrag amerikanischer Mennoniten zur Erforschung der schweizerischen Täuferbewegung hervor und verwies dabei auch auf diese Veröffentlichung.
Das Interesse ist ungebrochen. Die mennonitische Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online widmet Andreas Castelberger einen eigenen biografischen Artikel und bewahrt damit ältere Forschungen von Christian Neff und Werner O. Packull. 2025 erschien in der von der Muddy Creek Farm Library herausgegebenen „Muddy Creek Review” der Beitrag von James K. Nolt mit dem Titel „Andreas Castelberger and the Cradle of the Anabaptist Movement in Zurich”. Mehr als ein Jahrhundert nach den ersten Quelleneditionen bleibt Castelberger somit weiterhin Gegenstand der täufer- und mennonitengeschichtlichen Forschung. Dies ist weniger auf eine umfangreiche persönliche Überlieferung – eine solche existiert nicht – als auf die wenigen, aber bemerkenswerten Stellen zurückzuführen, an denen sein Name sichtbar wird: im Buchhandel, im Bibellesekreis, in der Korrespondenz der Zürcher Radikalen, im Streit um die Taufe und schließlich wieder in Graubünden.
Gerade die Lücken der Überlieferung setzen der Darstellung klare Grenzen. Über Castelbergers Gerade die Lücken der Überlieferung setzen der Darstellung klare Grenzen. Über Castelbergers Kindheit und Ausbildung, sein Familienleben, den Großteil seiner wirtschaftlichen Tätigkeit und seine letzten Lebensjahre ist kaum etwas bekannt. Auch ist nicht jede Position der späteren Schweizer Täuferbewegung auf ihn zurückzuführen. Belegbar ist lediglich der enge und zugleich historisch aussagekräftige Zeitraum vor der Bildung einer eigenständigen Täufergemeinde: Castelberger gehörte damals zu einem Zürcher Umfeld, in dem Laien die Bibel gemeinsam studierten und begannen, aus ihrer Lektüre Konsequenzen zu ziehen, die sie zunehmend von Zwinglis kirchlichem Reformationsweg entfernten. Als die Kindertaufe zum offenen Streitpunkt wurde, stand Castelberger auf der Seite ihrer Gegner. Damit gehört er zur Geschichte der Täuferbewegung.
Der Text wurde maschinell ins Deutsche übersetzt.
Quellen und Literatur
Quellen und Quelleneditionen
Egli, Emil (Hrsg.): Actensammlung zur Geschichte der Zürcher Reformation in den Jahren 1519–1533. Zürich 1879.
Dies ist eine grundlegende Sammlung der Zürcher Ratsakten und Verhörprotokolle aus der Reformationszeit. In der Forschung wird die Edition häufig mit EAk abgekürzt. Sie enthält mehrere für das Umfeld Castelbergers wichtige obrigkeitliche Untersuchungen.
Muralt, Leonhard von / Schmid, Walter (Hg.): Quellen zur Geschichte der Täufer in der Schweiz. Band 1: Zürich. 2. Auflage, Zürich 1974.
Die wichtigste Quellensammlung für die Anfänge der Zürcher Täuferbewegung. Sie enthält Briefe, Ratsbeschlüsse, Verhörprotokolle und weitere zeitgenössische Zeugnisse. Für Castelberger sind unter anderem die Zeugenaussagen zum Zürcher Lesekreis sowie die Dokumente aus dem Konflikt um die Taufe von Bedeutung. Das undatierte Schreiben Konrad Grebels an Andreas Castelberger aus dem Frühjahr 1525 findet sich unter Nr. 63, S. 70–72. Das Schreiben Grebels und seiner Mitunterzeichnenden an Thomas Müntzer vom 5. September 1524 ist unter Nr. 14 ediert.
Correll, Ernst H./Bender, Harold S. (Hg.); Yoder, Edward (Transkription und Übersetzung): „A Letter from Conrad Grebel to Andreas Castelberger, May, 1525.“ In: The Mennonite Quarterly Review 1 (1927), S. 41–53.
Es handelt sich um eine Edition des erhaltenen Briefes Konrad Grebels an Andreas Castelberger mit lateinischer Transkription und englischer Übersetzung. Die Veröffentlichung ist zugleich ein frühes Beispiel der nordamerikanisch-mennonitischen Beschäftigung mit Castelberger.
Forschungsliteratur
Strübind, Andrea: Eifriger als Zwingli. Die frühe Täuferbewegung in der Schweiz. 2., unveränderte, um ein Vorwort erweiterte Auflage, Berlin: Duncker & Humblot 2022.
Für Castelberger ist dies derzeit die wichtigste ausführliche Untersuchung. Von besonderer Bedeutung ist der Abschnitt „Der Castelberger Lesekreis“ (S. 129–146), in dem Strübind die Entstehung und Zusammensetzung des Kreises, die Zeugenaussagen über Castelbergers Lehre sowie die Grenzen dessen, was aus den Quellen geschlossen werden kann, untersucht. Weitere Abschnitte behandeln die Kontakte des Zürcher Kreises zu Karlstadt und Müntzer. Die erste Auflage erschien 2003.
Goeters, J. F. Gerhard: „Die Vorgeschichte des Täufertums in Zürich.“ In: Luise Abramowski/J. F. Gerhard Goeters (Hg.): Studien zur Geschichte und Theologie der Reformation. Festschrift für Ernst Bizer. Neukirchen-Vluyn 1969, S. 239–281.
Es handelt sich um eine grundlegende Untersuchung zur prototäuferischen Bewegung in Zürich. Goeters rückte den Bibellesekreis um Castelberger stärker in die Vorgeschichte der Täuferbewegung ein und beeinflusste damit die spätere Forschung erheblich.
Packull, Werner O.: „Die Anfänge des Schweizer Täufertums im Gefüge der Reformation des Gemeinen Mannes.“ In: Jean-Georges Rott/Simon L. Verheus (Hg.): Anabaptistes et dissidents au XVIe siècle. Actes du Colloque international d’histoire anabaptiste du XVIe siècle tenu à l’occasion de la XIe Conférence Mennonite Mondiale à Strasbourg, juillet 1984, Baden-Baden 1987, S. 53–64.
Packull untersucht die frühen Schweizer Täufer im sozialen und politischen Zusammenhang der Reformationsbewegung und misst Castelberger und seinem Lesekreis erhebliche Bedeutung bei. Seine sozialgeschichtliche Interpretation wird von Strübind in einzelnen Punkten kritisch beurteilt, insbesondere dort, wo aus den Verhörprotokollen weitergehende sozialpolitische Positionen Castelbergers abgeleitet werden.
Berger, Hans: Die Reformation. Bündner Kirchengeschichte, 2. Teil. Chur: Bischofberger, 1986.
Für den bündnerischen Teil von Castelbergers Geschichte und den kirchengeschichtlichen Zusammenhang der Reformation in Graubünden von Bedeutung.
Gerber, Ulrich J.: „Castelberger, Andreas.“ In: Historisches Lexikon der Schweiz. Fassung vom 31. Juli 2003.
Ein knappes, aber informatives biografisches Referenzwerk. Gerber bezeichnet Castelberger vorsichtig als zwischen 1516 und 1531 belegt und vermeidet damit die in älteren oder populären Darstellungen häufig anzutreffenden, aber nicht gesicherten Angaben eines Geburtsjahres um 1500 und eines Todes in Chur nach 1531.
Neff, Christian/Packull, Werner O.: „Castelberger, Andreas (ca. 1500–after 1531).“ In: Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online (GAMEO).
Der Artikel bündelt die ältere mennonitische Forschung zu Castelberger und enthält Hinweise auf seine Tätigkeit im Buchhandel, seinen Zürcher Bibelkreis, den Brief Grebels von 1525 und seine späteren Beziehungen nach Graubünden. Bei einzelnen Lebensdaten ist die Darstellung weniger zurückhaltend als im Historischen Lexikon der Schweiz und sollte deshalb zusammen mit den schweizerischen Quelleneditionen benutzt werden.
Nolt, James K.: „Andreas Castelberger and the Cradle of the Anabaptist Movement in Zurich.“ In: Muddy Creek Review 16 (2025), S. 11–17.
Eine jüngere nordamerikanisch-mennonitische Beschäftigung mit Castelberger. Die „Muddy Creek Review“ ist die Jahrespublikation der „Muddy Creek Farm Library“ und widmet sich täuferischer, mennonitischer und Old-Order-Geschichte. Der Beitrag zeigt, dass das Interesse an Castelbergers Stellung in der Zürcher Frühgeschichte der Täuferbewegung bis in die gegenwärtige mennonitische Geschichtsforschung reicht.
Weiterführende Literatur
Leu, Urs B./Scheidegger, Christian (Hg.): Die Zürcher Täufer 1525–1700. Zürich 2007.
Eine weiterführende Darstellung und Quellensammlung zur Zürcher Täuferbewegung. Für die Einordnung Castelbergers in die Entwicklung nach 1525 sowie für das Verhältnis von städtischer Obrigkeit und Täuferbewegung ist sie sehr hilfreich.
Bender, Harold S.: Conrad Grebel, c. 1498–1526. The Founder of the Swiss Brethren, Sometimes Called Anabaptists. Goshen, Indiana 1950
Eine klassische Arbeit der nordamerikanischen mennonitischen Täuferforschung. Bender arbeitete intensiv mit Grebels Korrespondenz und behandelte damit auch dessen Beziehungen zu Castelberger und zum radikalen Zürcher Kreis. Die Untersuchung ist forschungsgeschichtlich bedeutend, muss heute jedoch zusammen mit den späteren sozial- und kirchengeschichtlichen Arbeiten gelesen werden.