Anne Zernike, die Doopsgezinden und eine verspätet anerkannte Stimme
(Anne Zernike, die Mennoniten und eine verspätet anerkannte Stimme)
Die erste? Das stimmt – amtlich
1911 – ernsthaft?
Erst 362 Jahre, nachdem Lijsken Dirks in Leeuwarden als Täuferin ertränkt worden war, berief eine niederländische Gemeinde offiziell eine Frau zur Predigerin: Anne Zernike.
War es dazwischen wirklich dreieinhalb Jahrhunderte lang dunkel in Europa?
Nein, denn Frauen hatten gesprochen, gelehrt, argumentiert, Gemeinden getragen und dafür mitunter ihr Leben verloren. Dunkel war nicht ihre Tätigkeit. Dunkel war vor allem das Gedächtnis der Kirchen. Und der Zugang zu jenen anerkannten Diensten, in denen religiöse Autorität nicht nur ausgeübt, sondern bestätigt, bezahlt und archiviert wurde, blieb fest verschlossen.
Lijsken Dirks war keine „Pfarrerin“ und auch nicht einfach Anne Zernikes Amtsvorgängerin. Ein solches Amt gab es in den informellen, verfolgten Netzwerken der frühen Täuferbewegung nicht. Doch Dirks war theologisch keineswegs eine Randfigur. Sie bewegte sich häufig im Umfeld Menno Simons’, wurde von ihren Verfolgern sogar für seine Frau gehalten und gab in den Verhören eigenständig Auskunft über ihren Glauben. Die noramerikanische mennonitische Geschichtsforschung bezeichnet sie vorsichtig als möglicherweise erste mennonitische Diakonin. Am 27. Mai 1549 wurde sie ertränkt.
Man sollte sie also nicht nachträglich ordinieren. Aber man sollte auch nicht so tun, als habe weibliche theologische Autorität im Jahr 1911 aus dem Nichts begonnen.
Vor dem anerkannten Predigtdienst stand längst die nicht anerkannte Praxis.
Eine Frau sucht keine Erlaubnis, sondern eine offene Tür
Anne Zernike wurde am 30. April 1887 in Amsterdam als ältestes von sieben Kindern geboren. Beide Eltern hatten Mathematik studiert: Der Vater leitete eine Schule und die Mutter hatte vor ihrer Ehe unterrichtet. Die Familie war gebildet, freisinnig und offenbar wenig bereit, Begabung nach Geschlecht zu sortieren. Annes Schwester Elisabeth wurde Schriftstellerin und ihr Bruder Frits erhielt 1953 den Nobelpreis für Physik.
Anne wusste früh, was sie wollte. Noch während ihrer Schulzeit fasste sie den Entschluss, Theologie zu studieren und Predigerin zu werden. Eine wichtige Anregung ging von Jacoba Mossel aus, Religionslehrerin und öffentliche Rednerin der Amsterdamer Vrije Gemeente. Auch die Frauenrechtlerin Aleida Nijland gehörte zu ihren prägenden Lehrerinnen. Zernike musste sich die Vorstellung einer predigenden Frau also nicht erst theoretisch erarbeiten. Sie hatte solche Frauen erlebt.
Das Hindernis war nicht ihr Entschluss. Das Hindernis waren die Kirchen.
Im Jahr 1905 beschlossen die niederländischen Doopsgezinden als erste Religionsgemeinschaft des Landes, Frauen grundsätzlich den Zugang zum Predigtdienst zu ermöglichen. Damit war jedoch noch keine Frau berufen. Aber erstmals bestand ein institutioneller Weg, der nicht bereits an der Geschlechtszugehörigkeit endete. Zernike studierte an der Universität Amsterdam und schloss sich 1909 den Doopsgezinden an, da nur so eine Ausbildung am Doopsgezind Seminarium und anschließend eine Berufung möglich waren.
Das war vermutlich weder Zweckkonversion noch überwältigende konfessionelle Heimkehr. Später schrieb sie selbst, sie sei immer eher allgemein freisinnig als besonders doopsgezind orientiert geblieben. Die Doopsgezinden waren ihre gewählte Gemeinschaft – und die einzige offene Tür.
Zernike wurde also keine Predigerin, weil eine Kirche sie dazu ermunterte. Sie suchte eine Kirche, die sie nicht grundsätzlich daran hinderte.
Die Gemeinde wollte sie. Anne zögerte.
Nach ihrem Examen im Jahr 1911 lagen Berufungen aus mehreren Gemeinden vor. Zernike lehnte Baard und Mensingewier ab. Auch Bovenknijpe (De Knipe) erhielt zunächst eine Absage.
Ihre Zweifel richteten sich nicht nur gegen sich selbst. Sie fragte sich, ob sie innerhalb der Doopsgezinde Broederschap tatsächlich frei genug sprechen könnte. Erst als Bovenknijpe ein zweites Mal anfragte, sagte sie zu. Am 5. November 1911 wurde sie dort als erste Frau in den Niederlanden offiziell in den Predigtdienst eingeführt.
Das Bild der jungen Pionierin, die sehnsüchtig auf ihre erste Kanzel wartet, greift also zu kurz. Die Gemeinde musste nicht nur den Mut aufbringen, eine Frau zu berufen. Sie musste diese Frau sogar zweimal fragen.
Und genau hier muss man beim Wort „Amt” aufpassen.
Zernike wurde nicht von einer bischöflichen Zentrale auf einen Posten gesetzt. Sie wurde von einer weitgehend selbständigen Ortsgemeinde berufen. Das entsprach der doopsgezinden Gemeindestruktur: Überregionale Zusammenschlüsse, das Seminarium und die Bruderschaft waren wichtig, doch die konkrete Verantwortung und Entscheidungsgewalt lagen vor Ort. Die ADS-Versammlung von 1905 hatte Frauen den Zugang ermöglicht und Bovenknijpe machte 1911 tatsächlich davon Gebrauch.
Ihr Dienst war deshalb nicht „amtlich” im Sinne einer deutschen Staats- oder Landeskirche. Aber er war auch kein unverbindlicher Gastauftritt. Die Gemeinde übertrug ihr dauerhaft Verantwortung, gab ihr eine berufliche Existenz und erkannte ihre theologische Autorität öffentlich an.
Nicht dass eine Frau sprach, war neu.
Neu war, dass sich eine Gemeinde verpflichtete, ihr zuzuhören.
Die erste Frau – aber nicht einfach einer der Männer
Die historische Premiere kann dazu verleiten, Zernike als Frau zu beschreiben, die endlich dieselben Aufgaben übernehmen durfte wie ihre männlichen Kollegen. Auch das wäre zu wenig.
Denn Anne Zernike wollte nicht lediglich in einen bestehenden Betrieb aufgenommen werden. Sie stellte Fragen an dessen Voraussetzungen.
Warum sollte das Geschlecht über theologische Eignung entscheiden? Warum sollte sich die Religion gegen die moderne Wissenschaft abschirmen? Warum sollte der Sozialismus lediglich als Feind behandelt werden? Warum sollte Kunst und Literatur nur schmückendes Beiwerk der Verkündigung sein? Und warum sollte eine historische Konfession allein über die religiöse Wahrheit verfügen?
Ihre spätere Biografin Froukje Pitstra beschreibt Zernike als ausgesprochen radikal-freisinnige, linksmodernistische Theologin, Pazifistin und Antimilitaristin. Sie war zu freisinnig für zahlreiche Mennoniten und Remonstranten und zeitweise sogar zu links für Teile des freisinnigen Nederlandse Protestanten Bond.
Das ist der Punkt, an dem das freundliche Pionierinnenbild Risse bekommt.
Die Doopsgezinden hatten als Erste die Tür geöffnet. Das bedeutete jedoch noch lange nicht, dass sie auf alles vorbereitet waren, was durch diese Tür kam.
Friesland, Jan Mankes und der Abschied vom Predigtdienst
Bovenknijpe war ein friesisches Dorf und Anne Zernike war eine Amsterdamerin mit ausgeprägten kulturellen und intellektuellen Interessen. Sie fand nur schwer Anschluss an die Dorfbewohner und ebenso wenig an den Kreis der friesischen Prediger. In dieser Situation lernte sie den Maler Jan Mankes kennen.
Im Jahr 1915 heirateten sie. Anne gab ihren Dienst in Bovenknijpe auf und zog mit ihm zunächst nach Den Haag und später nach Eerbeek. Gemeinsam beschäftigten sie sich mit Malerei, Literatur, Theosophie, Taoismus, christlichem Sozialismus, Antimilitarismus und vegetarischer Lebensführung. Dies war keine nette Künstlerkulisse neben ihrem „eigentlichen“ theologischen Leben. In diesen Jahren wurde deutlicher, was ihre Theologie auszeichnen sollte: Für sie ließ sich Religion nicht vom Denken, Sehen, politischen Handeln und ästhetischen Erleben trennen.
1918 promovierte sie mit einer Untersuchung über historischen Materialismus und sozialdemokratische Ethik. Schon die Themenwahl war programmatisch. Zernike betrachtete den Sozialismus nicht als fremde Ideologie, die es von der Kanzel aus abzuwehren galt. Sie nahm seine Gesellschaftskritik und seinen ethischen Anspruch als ernsthafte Herausforderung wahr.
Im selben Jahr wurde ihr Sohn Beint geboren. Jan Mankes starb am 23. April 1920 an Tuberkulose. Anne war 33 Jahre alt.
Danach ließ sie sich wieder als berufbare Doopsgezinde-Predigerin registrieren.
Es kam jedoch kein Ruf.
Über die Gründe sollte man nicht vorschnell urteilen. Ihre theologische Radikalität, ihre Lebenssituation als verwitwete Mutter, persönliche Vorbehalte und die fortbestehende Skepsis gegenüber Frauen lassen sich kaum voneinander trennen. Sicher ist nur: Die Gemeinschaft, die sie 1911 als Pionierin zugelassen hatte, fand nach 1920 keine Gemeinde mehr für sie. Zernike empfand das als schmerzlich.
Kirchen feiern ihre Pionierinnen meist erst im Rückblick.
In der Gegenwart sind diese Frauen häufig komplizierter.
Rotterdam: Befreiung aus einer Niederlage
Nach dem Tod Jan Mankes’ wollte Anne Zernike wieder in den doopsgezinden Predigtdienst zurückkehren. Sie ließ sich erneut als berufbar registrieren.
Keine Gemeinde berief sie.
Das war keine beiläufige berufliche Enttäuschung. Die Doopsgezinde Broederschap hatte ihr als erster Frau in den Niederlanden den Zugang zum anerkannten Predigtdienst ermöglicht. Nun, da sie diesen Dienst wieder aufnehmen wollte, fand sich innerhalb derselben Gemeinschaft kein neuer Platz für sie.
Die Gründe dafür sind vielschichtig. Zernikes radikale Freisinnigkeit dürfte ebenso eine Rolle gespielt haben wie ihre Stellung als Frau, ihre Lebenssituation als verwitwete Mutter sowie persönliche oder örtliche Vorbehalte. Fest steht das Ergebnis: Der Ruf blieb aus, was Zernike als schmerzlich empfand.
1921 ging sie zum Nederlandse Protestanten Bond nach Rotterdam. Es wäre zu glatt, diesen Wechsel nur als Befreiung zu erzählen. Er begann mit einer Zurückweisung. Ihn jedoch nur als Niederlage zu beschreiben, wäre ebenso falsch. Denn beim NPB fand Zernike erheblich mehr Raum für eine Theologie und Formen des Gemeindelebens, die ihr tatsächlich entsprachen.
Das war auch eine Rückkehr zu ihren geistigen Ursprüngen. Sie war nicht im doopsgezinden Milieu aufgewachsen, sondern in der radikal freisinnigen Vrije Gemeente von Amsterdam. Den Doopsgezinden hatte sie sich angeschlossen, da diese als einzige Gemeinschaft Frauen den Weg in den Predigtdienst eröffneten. Ihre konfessionelle Zugehörigkeit und ihre theologische Heimat waren nie vollständig deckungsgleich.
In Rotterdam musste sie diese Spannung nicht mehr so stark überspielen. Sie verband Predigt mit Kunst, Chor, Theater, Museumsbesuchen und öffentlicher Debatte. Die Gemeinschaft wuchs von ungefähr vierzig auf mehrere hundert Mitglieder. Zernike hatte dort nicht weniger Verantwortung als zuvor. Aber sie erhielt mehr Freiheit, selbst zu bestimmen, was religiöse Gemeindearbeit umfassen konnte.
Der Wechsel zum NPB war daher eine Befreiung, die aus einer Niederlage hervorging.
Er war eine Befreiung für Anne Zernike. Und er war eine Niederlage für die Doopsgezinde Broederschap: Sie hatte als erste einer Frau die Tür geöffnet, konnte ihr später jedoch keine dauerhafte geistige Heimat bieten.
Völlig angekommen war Zernike allerdings auch beim NPB nicht. Selbst dort galt sie manchen als zu modern oder zu weit links. Sie fand keinen Ort ohne Grenzen. Sie fand einen Ort mit mehr Raum.
Das genügte, um aus einer Zurückgewiesenen eine der erfolgreichsten freisinnigen Gemeindeleiterinnen ihrer Zeit zu machen.
Eine Theologin, die mehr schrieb, als heute gelesen wird.
Wer nur das Jahr 1911 kennt, kennt Anne Zernike nicht. Ihre Veröffentlichungen zeigen eine Autorin, deren Denken sich zwischen Frauenfrage, Sozialismus, Erziehung, Kunst, Literatur und Religionswissenschaft bewegte. Die niederländische Nationalbibliothek verzeichnet neben ihren bekannten Hauptwerken auch Titel wie Bijbelse portretten und Reflexen sowie ihre Tätigkeit als Übersetzerin und Beiträgerin zu Büchern über Jan Mankes.
Zu ihren wichtigen Veröffentlichungen zählen:
- „De studie der vrouw in de theologie“ (1914)
Der Beitrag „Das Studium der Frau in der Theologie“ erschien in einem enzyklopädischen Handbuch über Frauenbewegung und Frauenfrage. Zernike war darin nicht nur die Frau, über deren Eignung Männer diskutierten. Sie griff selbst in die Auseinandersetzung ein. - Over historisch materialistische en sociaal democratische ethiek (1918)
Ihre Dissertation über historischen Materialismus und sozialdemokratische Ethik. Sie gehört in die Mitte ihres theologischen Profils: Religion durfte sich der sozialen Wirklichkeit nicht durch dogmatische Abwehr entziehen. - Jan Mankes (mit Richard Roland Holst, 1923; Neuausgabe 1928)
Eine Darstellung des Werkes ihres verstorbenen Mannes. Sie schrieb dabei nicht nur als Witwe, sondern als Interpretin von Kunst. Die frühe Ausgabe erschien 1923, eine weitere 1928. - Opvoedingsproblemen (1924; überarbeitete Ausgabe 1928)
„Erziehungsprobleme“ zeigt Zernike als Pädagogin. Für sie gehörten Religion, Bildung und Persönlichkeitsentwicklung zusammen; Glauben war kein gesondertes Fach, das nach dem übrigen Leben unterrichtet wurde. Das Werk ist in mehreren Ausgaben nachgewiesen. - Rainer Maria Rilke: een benadering (1925)
Eine „Annäherung“ an Rilke. Der Titel ist bezeichnend: Zernike wollte Literatur nicht konfessionell vereinnahmen. Sie suchte in ihr Formen religiöser Erfahrung, die nicht erst durch ein kirchliches Gütesiegel wertvoll wurden. - Ernst Toller: Het zwaluwenboek (1928)
Dieses Buch war kein eigenes Werk Zernikes. Sie übersetzte Tollers Schwalbenbuch aus dem Deutschen und versah es mit einer Einleitung. Die Wahl des sozialistischen, pazifistischen und zeitweise inhaftierten Autors passt auffällig gut zu ihren politischen und literarischen Interessen. - Historische godsdiensten en universeele religie (1938)
„Historische Religionen und universale Religion“ gehört zu ihren religionsphilosophischen Hauptwerken. Der Titel nennt bereits das Problem: Religion tritt in konkreten geschichtlichen Formen auf, darf aber nicht mit einer einzigen dieser Formen gleichgesetzt werden. - De mensch en zijn godsdienst (1941)
„Der Mensch und seine Religion“ verschiebt den Blick weiter von der Konfession zum Menschen als religiösem Wesen. Das Werk belegt, wie weit Zernikes Denken über eine ausschließlich mennonitische Selbstbeschreibung hinausging. - Bijbelse portretten
Das Buch mit biblischen Porträts erschien spätestens Mitte der 1950er-Jahre und wurde in der zeitgenössischen theologischen Literatur besprochen. Es zeigt, dass Zernike neben religionsvergleichenden und gesellschaftlichen Themen weiterhin biblische Stoffe bearbeitete. - Een vrouw in het wondere ambt. Herinneringen van een predikante (1956)
Ihre 244 Seiten umfassenden Erinnerungen sind die wichtigste autobiografische Quelle zu ihrem Leben. Sie sind jedoch keine neutrale Akte, sondern eine bewusst gestaltete Rückschau. Der Titel lässt sich etwa als „Eine Frau im wundersamen Amt“ übersetzen. Das niederländische ambt bezeichnet hier den anerkannten Predigtdienst – nicht ohne Weiteres das, was im Deutschen nach Behörde, Hierarchie oder Staatskirche klingt.
Diese Bücher bilden kein geschlossenes dogmatisches System. Zernike war keine Systematikerin, die ein Lehrgebäude errichtete und anschließend die Zimmer nummerierte.
Ihre Stärke lag woanders: Sie brachte Bereiche ins Gespräch, die in der Kirche gerne getrennt wurden, beispielsweise Religion und Sozialismus, Theologie und Kunst, christliche Überlieferung und Religionsgeschichte sowie Predigt und öffentliche Debatte.
Was war damals – und was gilt heute?
Die doopsgezinde Gemeindestruktur von heute ist nicht einfach dieselbe wie 1911.
Die doopsgezinde Gemeindestruktur von heute ist nicht einfach dieselbe wie 1911, geblieben ist jedoch die starke Stellung der Ortsgemeinde. Die niederländischen Doopsgezinden beschreiben sich auch im Jahr 2022 ausdrücklich als Gemeinschaft kleiner, selbstständiger Gemeinden. Die Gemeinde ist also weiterhin nicht bloß eine Außenstelle einer zentralen Kirchenverwaltung.
Zugleich ist die heutige Algemene Doopsgezinde Sociëteit erheblich stärker ausgebaut als das vergleichsweise lose Geflecht früherer Zeit. Derzeit gehören ihr 100 Gemeinden an. Die ADS fungiert als landesweites Büro und zentrales politisches sowie administratives Organ. Sie unterstützt die Gemeinden, übernimmt gemeinsame Dienstleistungen und vertritt die Doopsgezinden nach außen.
Man kann deshalb weder sagen, die Gemeinden seien heute völlig auf sich gestellt, noch sollte man die ADS wie eine bischöfliche Kirchenleitung beschreiben.
Die Gemeinde bleibt selbstständig. Die gemeinsame Organisation ist jedoch professioneller, verbindlicher und umfangreicher geworden.
Auch die Beteiligung von Frauen an Leitung und Verkündigung hat sich seit 1911 grundlegend verändert. Bereits kurz nach 1900 wurden Frauen in die ersten Gemeinderäte gewählt und gehörten bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts in fast allen Gemeinden den Leitungsgremien an. Heute werden Frauen selbstverständlich zu Predigerinnen ausgebildet und von Gemeinden berufen.
Damit ist Zernikes Kampf jedoch nicht erledigt. Die rechtlichen und institutionellen Barrieren sind gefallen. Die grundsätzlichere Frage bleibt jedoch: Wie viel Abweichung hält eine Gemeinschaft aus, wenn sie persönliche Glaubensfreiheit nicht nur in ihren Leitbildern nennt, sondern auch praktisch umsetzt?
Die nordamerikanische Erinnerung: Pionierin ja, Theologin kaum
Im mennonitischen Gedächtnis Nordamerikas erscheint Zernike vor allem als erste Predigerin der niederländischen Mennoniten, als gewissenhafte Seelsorgerin und als Kommentatorin sozialer und internationaler Fragen. Ein Encyclopaedia-Eintrag nennt ihre wichtigsten Bücher, entwickelt ihre Theologie aber kaum.
Das ist bezeichnend. Anne Zernike ist international eher als Pionierin bekannt als dass ihre Theologie gelesen wird. Man erinnert sich daran, dass sie eine Tür durchschritt. Was sie anschließend sagte, ist weniger bekannt.
Ihre Hauptwerke liegen weiterhin überwiegend auf Niederländisch vor. Dadurch bleibt ihr eigentliches Profil außerhalb der Niederlande leicht unscharf: Sie war radikal freisinnig, linksorientiert, antimilitaristisch, religionsvergleichend und davon überzeugt, dass Kunst keine Luxuserscheinung neben dem Glauben ist, sondern eine seiner möglichen Erkenntnisformen.
Was begann also 1911?
Nicht das Denken von Frauen.
Nicht ihre religiöse Arbeit.
Nicht einmal ihr öffentliches Sprechen.
1911 begann nicht das Sprechen von Frauen. Neu war, dass eine Gemeinde ihre theologische Autorität erstmals dauerhaft und öffentlich anerkannte, dass eine Frau dauerhaft theologische Verantwortung tragen konnte und nicht nur ausnahmsweise reden durfte.
Anne Zernike war keine voraussetzungslose „Erste“. Hinter ihr standen Lijsken Dirks, Jacoba Mossel und viele Frauen, deren Namen nicht überliefert wurden. Doch ihre Berufung veränderte die Grenze zwischen geduldeter Tätigkeit und anerkannter Autorität.
In die Rolle der mennonitischen Vorzeigefrau passte sie danach allerdings nicht bequem. Nur vier Jahre ihres langen Berufslebens verbrachte sie in einer doopsgezinden Gemeinde. Der längste und prägendste Abschnitt ihres Wirkens lag im überkonfessionellen Freisinn Rotterdams. Dort verband sie Theologie mit Kunst, Gemeindearbeit mit politischer Stellungnahme und religiöse Bildung mit dem Recht auf selbstständiges Denken.
Die Bezeichnung „erste Predigerin der Niederlande“ ist daher nach wie vor korrekt.
Aber sie ist nur der Aktenvermerk.
Anne Zernike wird interessant, wo der Aktenvermerk endet: bei einer Frau, die nicht lediglich einen Platz am vorhandenen Tisch verlangte. Sie fragte, wer den Tisch gebaut hatte, wer über die Sitzordnung entschied und ob das Gespräch nicht längst größer war als der Raum, in dem es geführt wurde.