Friedensfähig werden! Friedensruf von Christinnen und Christen. Christlicher Friedensruf Hannover 2025
Ökumenische Friedenssynode setzt ein starkes Zeichen gegen Militarisierung
Dieser Friedensruf ist zu wichtig, als dass er unbeachtet bleiben dürfte
Am 1. Mai 2025 trat – parallel zum Deutschen Evangelischen Kirchentag – im Rahmen des Unabhängigen Ökumenischen Friedenszentrums in Hannover eine ökumenische Friedenssynode zusammen und verabschiedete den „Christlicher Friedensruf Hannover 2025“. Mit theologischer Tiefe und politischer Klarheit wendet sich die Initiative gegen die zunehmende Militarisierung von Politik und Gesellschaft. So entstand eine starke christliche Stimme für Abrüstung, Gewaltverzicht und Versöhnung – getragen von Hoffnung, Verantwortung und Entschiedenheit.
Der Friedensruf will dem biblisch begründeten Friedensauftrag, dem Auftrag Jesu im öffentlichen Diskurs neue Aufmerksamkeit verschaffen. Gerade in einer Zeit wachsender Aufrüstung, verschärfter Konflikte und zunehmender Gewöhnung an militärische Logik setzte der Friedensruf ein klares Zeichen: Frieden ist kein Randthema christlicher Verantwortung, sondern gehört in die Mitte des Glaubens und des gesellschaftlichen Handelns.
Eingeleitet wurde die Synode mit einer Bibelarbeit zu Matthäus 5,38–48: „Liebet eure Feinde!“ Gestaltet wurde sie von Margot Käßmann, der früheren Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, und von Susanne Büttner, Dekanin, Leiterin des Zentrums für biblische Spiritualität an der Woltersburger Mühle und Mitglied des bundesweiten Initiativkreises.
Weitere Hauptredner waren Bischof Friedrich Kramer, Friedensbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland, Prof. Dr. Jochen Cornelius-Bundschuh, Vorsitzender der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden, und Prof. Dr. Fernando Enns, Leiter der Arbeitsstelle Theologie der Friedenskirchen an der Universität Hamburg. Die Teilnehmenden berieten den Entwurf zunächst in Kleingruppen, dann im Plenum. Den Abschluss bildete eine öffentliche „Friedensprotestation“, in deren Rahmen der Text verabschiedet wurde.
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Christlicher Friedensruf 2025; Friedensfähig werden!Der Friedensruf im Wortlaut
Friedensfähig werden!
Friedensruf von Christinnen und Christen
Am 8. Mai 1945 endete in Europa der Zweite Weltkrieg. „Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!“ lautet die Lehre daraus. Jetzt ist erneut von „Kriegstüchtigkeit“ die Rede. Jesus Christus aber sagt: „Selig sind, die Frieden stiften“. Die aktuellen Kriege sind für uns eine Mahnung zur Umkehr. Gottes Wort ruft uns, friedensfähig zu werden.
- Du sollst nicht töten! (2. Mose 20,13)
Das Tötungsverbot gilt auch angesichts von Krieg und Gewalt. In jedem getöteten Menschen stirbt ein Ebenbild Gottes. Wir können keine Waffen auf andere Menschen richten, weil wir „damit die Waffen auf Christus selbst richteten“ (Dietrich Bonhoeffer). - Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen! (Matthäus 5,44)
Es wird gesagt, Aggressoren müssten auf dem Schlachtfeld besiegt oder militärisch zu Verhandlungen gezwungen werden.
Jesus Christus mutet uns jedoch zu, unsere Feinde zu lieben. Das bedeutet nicht, Unrecht und Aggression hinzunehmen. Doch es verlangt, sich von vereinfachendem Gut-Böse-Denken zu lösen und die eigene Mitverantwortung für die Entwicklung von Konflikten zu erkennen. - Denn uns ist ein Kind geboren, ein … Friedefürst. (Jesaja 9,5)
Es wird gesagt, wir erlebten eine Zeitenwende, die eine Politik der militärischen Stärke erfordere. Mit dem messianischen Friedensfürsten erwarteten die Propheten die Wende zu einer Zeit ohne Krieg und Gewalt. Für Christinnen und Christen hat sich diese Zeitenwende in Jesus Christus ereignet, er ist unser Friede. In seiner Nachfolge setzen wir nicht auf die Gewalt der Waffen, sondern auf Diplomatie und gewaltfreie Formen der Konfliktlösung. - Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun. So soll es nicht sein unter euch. (Matthäus 20,25f)
Es wird gesagt, Menschen zum Kriegsdienst zu zwingen sei legitim, um Freiheit und Menschenrechte zu verteidigen. Unsere Solidarität aber gilt allen, die den Kriegsdienst verweigern oder sich ihm entziehen. Das Recht auf Kriegsdienstverweigerung ist ein Menschenrecht. - Stecke dein Schwert an seinen Ort! Denn wer das Schwert nimmt, der wird durchs Schwert umkommen. (Matthäus 26,52)
Es wird gesagt, Gewaltverzicht sei naiv, unrealistisch und unvernünftig. Jesus aber lehrt uns die Vernunft eines Gewaltverzichts, der die Spirale der Eskalation durchbricht.
Krieg produziert ungezählte Tote, Verletzte, Vertriebene und Traumatisierte. Er bedroht das Leben auf unserer Erde, bis hin zur atomaren Vernichtung. Darum treten wir ein für die Rückkehr zur Abrüstung und den Verzicht auf Rüstungsexporte. - Und der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein, und der Ertrag der Gerechtigkeit wird Ruhe und Sicherheit sein auf ewig. (Jesaja 32,17)
Es wird gesagt, die Wirtschaft müsse wachsen. Dies führt ökologisch und sozial in eine Sackgasse. Der Wettstreit um Ressourcen führt heute schon zu Kriegen. Die Folgen sind verheerend, vor allem für den globalen Süden.
Jesus Christus jedoch hat Gerechtigkeit und Rücksichtnahme gelehrt. Voraussetzung für den Frieden ist eine Wirtschaft, die das Gemeinwohl sowie den Umwelt- und Klimaschutz in den Mittelpunkt stellt. - Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Speere zu Sicheln … und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. (Micha 4,3)
Es wird gesagt, wir müssten kriegstüchtig werden und Frieden durch Aufrüstung sichern.
Wir aber wollen friedensfähig werden. Geld, Zeit, Kreativität und andere Ressourcen müssen in die soziale, kulturelle und ökologische Transformation investiert werden statt in Waffen und Krieg. Wer Frieden will, muss Frieden üben. Wir beten und arbeiten für eine Kirche, die den Frieden Jesu Christi bezeugt und ausbreitet. Wir treten ein für eine Welt ohne Gewalt. Wir ermutigen uns gegenseitig zu einer Praxis des Friedens – im Vertrauen auf Gottes Frieden.
Verabschiedet bei der Friedenssynode in Hannover am 1.5.2025.
Initiative Christlicher Friedensruf
Weiterführender Verweis:
Ökumenisches Institut für Friedenstheologie www.oekum-institut-friedenstheologie.de
Der „Christliche Friedensruf Hannover 2025“ wendet sich gegen die zunehmende Akzeptanz militärischer Gewalt in Politik und Gesellschaft. Er ruft zur Umkehr auf – theologisch, ethisch und politisch. Dabei knüpft er bewusst an die lange Tradition christlicher Friedensethik an. Schon Erasmus von Rotterdam mahnte 1517 eindringlich:
„Ich appelliere an euch, ihr Theologen! Predigt das Evangelium des Friedens! Verkündigt den Ohren des Volkes immer wieder die Friedensbotschaft! [...] Versucht darzulegen, wie mächtig sich die Eintracht der Masse gegen die Tyrannei der Gewalthaber erweist!“
Der Krieg muss verlästert werden: seine Lügen, seine Heldenbilder, seine politischen Rechtfertigungen und seine religiösen Verkleidungen – nicht Menschen oder Völker, die er gegeneinander treibt.
Auch in der Reformationszeit finden sich deutliche Stimmen gegen religiös und politisch motivierte Gewaltanwendung. Michael Sattler, ein führender Vertreter der Täuferbewegung, im Jahr 1527 angesichts der heranrückenden osmanischen Heere und der gewaltsamen Verfolgung seiner Glaubensgeschwister durch sogenannte Christen:
„Es steht geschrieben: „Du sollst nicht töten!“ Wir sollen uns des Türken und anderer Verfolger nicht erwehren, sondern in strengem Gebet zu Gott anhalten, dass er wehre und Widerstand leiste. [...] Wenn Kriegen gerecht wäre, wollt ich lieber wider die angeblichen Christen ziehen, welche die frommen Christen verfolgen, fangen und töten, als wider den Türken.“
Der Friedensruf will als eine Stimme unter vielen, aber mit klarem theologischem Profil dazu beitragen, die christliche Friedensverantwortung im öffentlichen Bewusstsein wachzuhalten.
Die Hoffnung auf eine Welt ohne Waffen und ohne militärische Gewalt ist kein bloßer Traum – sie ist Auftrag. In einer Zeit, in der Rüstung vielfach als Sicherheitsgarantie gilt und militärische Stärke politische Bedeutung sichern soll, bleibt der Ruf nach Frieden ein notwendiges Gegengewicht. Für Christinnen und Christen gründet sich dieser Ruf im Evangelium: in der Botschaft vom Reich Gottes, das nicht auf Gewalt, sondern auf Gerechtigkeit, Gewaltfreiheit, Versöhnung und Barmherzigkeit ruht.
Dieser Ruf richtet sich nicht allein an Gläubige. Er ist Teil eines größeren humanen Auftrags, der alle Menschen betrifft – unabhängig von religiöser Überzeugung. Wer hinschaut, erkennt: Waffen fordern keine abstrakten Opfer. Es sind Menschen, die verletzt, vergewaltigt, vertrieben und getötet werden – oft die Schwächsten und Wehrlosesten. Der Glaube an die Menschenwürde, wie er in vielen religiösen und weltanschaulichen Traditionen verankert ist, widerspricht jedem Denken, das Gewalt als legitimes Mittel zur Lösung von Konflikten rechtfertigt.
Frieden braucht Geduld, Mut und die Bereitschaft, auch unbequeme Wege zu gehen. Er fordert dazu heraus, Ambivalenzen auszuhalten, Kompromisse zu suchen und den anderen nicht zuerst als Gegner, sondern als Gesprächspartner zu sehen. Das mag mühsam erscheinen, doch es ist der einzig nachhaltige Weg. Frieden zu schaffen ist kein Zeichen weltfremder Naivität. Weltfremd ist vielmehr die Illusion, Sicherheit könne durch atomare Abschreckung, durch konventionelle Waffen oder durch immer neue Waffenarsenale dauerhaft erreicht werden.
Friedensarbeit beginnt im Kleinen. Sie wächst in der Bereitschaft, in Schulen, in Betrieben, in Gemeinden und in der Nachbarschaft einen Geist der Verständigung und Gewaltfreiheit zu fördern. Sie zeigt sich in der Art, wie Menschen miteinander reden, Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen. Friedensethik ist keine bloße Theorie. Sie wird gelebt, Tag für Tag, auch dort, wo sie wenig beachtet wird.
Eine theologisch verantwortete Friedensvision widerspricht der fortschreitenden Militarisierung zentraler Lebensbereiche wie Bildung, Wirtschaft und Gesundheitsversorgung. Diese Entwicklung bedroht das Gemeinwohl und gefährdet die Grundlagen einer gerechten Gesellschaft. Nötig ist ein entschlossener Einsatz für gewaltfreie Konfliktlösungen, für den Rückbau militärischer Strukturen, für die Auflösung militärischer Bündnislogiken und für den Aufbau einer globalen Sicherheitsordnung, die sich nicht auf Drohung, sondern auf Kooperation gründet.
Die biblische Vision von Schwertern, die zu Pflugscharen werden, ist keine romantische Utopie. Sie ist Ausdruck einer Hoffnung, die den Ernst der Gegenwart kennt – und doch darauf vertraut, dass Gewalt nicht das letzte Wort haben muss. Der Frieden bleibt eine Zumutung. Aber er ist die einzige Zumutung, die Leben schafft.