Kirchen Haltung zeigen! Aufrüstung, Bundeswehr, Kriegsdienst, Feindbild, Rassismus, Sozialabbau.
Kirchen müssen Haltung zeigen!
Und zwar jetzt. Nicht erst, wenn die Städte zerstört, die Toten gezählt und die Verantwortlichen außer Reichweite sind. Nicht erst in späteren Schuldbekenntnissen, wenn Widerspruch nichts mehr kostet. Haltung ist gefragt, während aufgerüstet, geliefert, finanziert, gerechtfertigt und getötet wird.
Kirchen haben nicht die Wahl zwischen mehreren gleichberechtigten Wegen. Gewaltfreiheit gehört zu ihrem unverhandelbaren Grundauftrag. Frieden ist für sie weder ein politisches Ressort noch das Sonderanliegen einzelner Gruppen, sondern eine verbindliche Konsequenz ihres Glaubens. Wenn Kirchen Krieg rechtfertigen, ihn als notwendig akzeptieren oder seine Vorbereitung schweigend hinnehmen, vertreten sie keine legitime Alternative. Sie widersprechen ihrem eigenen Auftrag und machen sich an der Logik der Gewalt mitschuldig.
Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein.
Dieser Satz duldet kein „Aber“. Er lässt keine Hintertür offen für Waffen, die angeblich dem Frieden dienen, für Abschreckung, die mit Vernichtung droht, oder für Kriege, die sich selbst gerecht bezeichnen. Kein Krieg ist heilig. Kein Staat erhält durch seine Geschichte, seine Verfassung, einer Religion oder seine Bündnisse das Recht, Menschen zu vernichten. Kein militärischer Angriff lässt sich aus dem Auftrag der Kirchen begründen. Der Ökumenische Rat der Kirchen hat diese Grundhaltung erneut bekräftigt und den aktiven gewaltfreien Widerstand gegen Ungerechtigkeit, Unterdrückung und Militarismus zur Aufgabe der Kirchen erklärt.
Das ist keine weltfremde Forderung. Weltfremd ist vielmehr der Glaube, Waffen könnten heilen, was sie angerichtet haben. Weltfremd ist die Vorstellung, Sicherheit lasse sich durch die Fähigkeit zur gegenseitigen Vernichtung schaffen. Weltfremd ist eine Politik, die auf jeden Krieg mit mehr Waffen antwortet und sich von der nächsten Eskalation überrascht zeigt.
Deutschland und Europa befinden sich im Krieg.
Sie stehen ihm nicht als außenstehende Beobachtende gegenüber und nicht an seinem Rand. Sie liefern Waffen, stellen Geld und Infrastruktur bereit, bilden aus, planen militärisch, verhängen wirtschaftliche Kampfmaßnahmen und ordnen ihre Haushalte, ihre Industrie und zunehmend ihre Gesellschaften dem Krieg unter. Sie sprechen von Kriegstüchtigkeit, als sei Krieg eine Prüfung, auf die ein Land seine Bevölkerung vorzubereiten habe. Krankenhäuser, Verkehrswege, Hochschulen und Betriebe werden zu Bestandteilen militärischer Planung. Kinder und Erwachsene sollen sich daran gewöhnen, dass die Zukunft bewaffnet sein wird.
Eine Gesellschaft befindet sich nicht erst dann im Krieg, wenn fremde Soldaten ihre Grenzen überschreiten. Sie ist es bereits, wenn das Töten zum anerkannten Mittel der Politik wird; wenn Milliarden in Waffen fließen und die Aufrüstung jene Mittel verschlingt, die für Pflege, Bildung, sozialen Wohnungsbau, Klimaschutz und zivile Konfliktbearbeitung fehlen; wenn Verhandlungen als Schwäche gelten und weitere Eskalation als Verantwortungsbewusstsein ausgegeben wird.
Krieg beginnt in der Sprache.
Aus Menschen werden Ziele. Aus Wohngebieten werden Operationsräume. Aus Toten werden Schäden. Aus Zerstörung wird Verteidigung. Wer ein Ende des Tötens fordert, gilt naiv, verdächtig oder illoyal. Die Sprache des Krieges will verhindern, dass Menschen erkennen, was in ihrem Namen geschieht.
Feindbilder entstehen nicht von selbst. Sie werden erzeugt. Regierungen brauchen sie, um Zustimmung zu mobilisieren. Militärische Apparate brauchen sie, um Gehorsam zu sichern. Rüstungskonzerne brauchen sie, um ihre Geschäfte als Beitrag zur Sicherheit auszugeben. Angst ist der Rohstoff dieser Politik. Sie bringt Menschen dazu, Freiheiten preiszugeben, soziale Verarmung hinzunehmen und der Tötung unbekannter Menschen zuzustimmen.
Der Auftrag der Kirchen schließt jede Mitwirkung an der Herstellung von Feindschaft aus. Sie erklären weder eine Nation zur Trägerin des Guten noch eine Bevölkerung zum Inbegriff des Bösen. Sie segnen nicht, was Menschen gegeneinander aufbringt. Sie weisen die Lüge zurück, die Sicherheit der einen verlange die Entrechtung der anderen.
Das Reich Gottes kennt keine Nationalgrenzen.
Es gibt keine heiligen Staaten, keine auserwählten Armeen und keine Menschen zweiter Klasse. Gottes Reich fällt mit keinem politischen Gemeinwesen zusammen und lässt sich von keiner Regierung vereinnahmen. Wo eine Nation sich selbst zum letzten Maßstab erhebt, macht sie sich zum Götzen. Folgen Kirchen diesem Anspruch, verraten sie nicht nur ihre Friedensbotschaft. Sie lösen sich von jenem zutiefst jüdischen Gottesverständnis, das Macht begrenzt, Versklavte befreit, das Recht der Fremden schützt und den Schrei der Unterdrückten hört.
Der Gott Israels ist keine religiöse Rechtfertigung staatlicher Gewalt. Seine Gerechtigkeit überschreitet Stammesgrenzen, Herrschaftsansprüche und politische Zweckmäßigkeit. In Jesus wird dieses Gottesverständnis in gelebter Menschlichkeit erkennbar: in der Weigerung, Feindschaft naturgegeben hinzunehmen, in der Hinwendung zu Ausgegrenzten, im Schutz bedrohten Lebens, in der Absage an Vergeltung und im Widerstand gegen eine Ordnung, die Menschen opfert, um ihre Macht zu bewahren.
Nachfolge Jesu lässt sich deshalb nicht bewaffnen
Sie trägt keine Bomben, segnet keine Gewehre und verkündet keine Lehre der Abschreckung. Sie beruft sich nicht auf eine Gewalt, die Menschen tötet, um vermeintlich das Menschliche zu bewahren. Wo Kirchen Gewalt als letztes Mittel offenhalten, gestehen sie ihr bereits das Recht zu, über menschliches Leben zu entscheiden.
Wer Waffenlieferungen unterstützt, militärische Siege erhofft oder die Drohung mit Massenvernichtung für notwendig hält, darf dies nicht Friedensethik nennen. Ein solcher Weg ist weder staatspolitisch noch ethisch zu rechtfertigen. Aus der Nachfolge Jesu lässt er sich erst recht nicht ableiten.
Gewaltfreiheit bedeutet nicht, Gewalt geschehen zu lassen. Sie ist nicht tatenlos, neutral oder harmlos. Sie stellt sich zwischen Täter und Opfer. Sie verweigert Befehle. Sie schützt Verfolgte. Sie durchbricht Blockaden, schafft Fluchtwege, dokumentiert Verbrechen, entzieht Rüstung das Geld und Kriegspropaganda die Zustimmung. Sie trägt Konflikte aus, ohne Menschen zu vernichten. Sie bekämpft die Gewalt, aber nicht die Menschen.
Militärseelsorge steht zu diesem Auftrag in einem unauflösbaren Widerspruch. Sie mag den einzelnen Menschen im Blick haben – doch sie hält ihn im Apparat. Wer Soldaten auf Einsätze vorbereitet, sie nach dem Töten stabilisiert und für weiteren Dienst tauglich hält, dient nicht dem Menschen, sondern seiner Verwendbarkeit. Das ist die seelische und religiöse Absicherung des Krieges – ein Affront und eine Verhöhnung Gottes. Kirchen sind nicht dazu da, Menschen innerhalb des militärischen Apparats funktionsfähig zu halten, sie zum Aushalten des Tötens zu befähigen oder trotz der Verwundung ihres Gewissens zum weiteren Gehorsam anzuhalten. Ihr Auftrag gilt Menschen, die den Kriegsdienst von vornherein verweigern, ebenso wie jenen, deren Gewissen erst im Militär erwacht oder erstarkt und die sich deshalb zum Austritt entschließen. Kirchen müssen ihnen beim Austritt und danach beistehen – rechtlich, seelsorglich und öffentlich. Ihre Solidarität gilt Kriegsdienstverweigerern und Deserteuren, unabhängig davon, welcher Armee sie den Gehorsam verweigern.
Deutschland stellt nicht nur Mittel bereit. Es liefert, finanziert, deckt politisch und schützt die Gewalt vor ihren Konsequenzen. Es schwächt das internationale Recht, sobald dessen Anwendung den Interessen der eigenen Verbündeten widerspricht. Wer Vertreibung ermöglicht, wer eine Bevölkerung aushungern lässt und das Recht beugt, das sie schützen müsste, trägt eine Schuld, die keinen beschönigenden Namen verträgt: Es ist Beihilfe zu Vertreibung und Völkermord. Dies steht im Widerspruch zu allem, worauf sich die Bundesrepublik nach ihrer Geschichte zu gründen vorgibt: zur Unantastbarkeit der Menschenwürde, zur Bindung staatlicher Macht an Recht und Gesetz, zum Schutz vor Vertreibung und Vernichtung und zur Verpflichtung, Menschenrechte ohne Ansehen der Herkunft durchzusetzen.
Es genügt nicht, an die Geschichte zu erinnern, wenn aus ihr keine Konsequenzen gezogen werden.
Krieg ist die extremste Form des Faschismus. Zu den zentralen und untrennbaren Konsequenzen des „Nie wieder“ gehören: nie wieder Faschismus und nie wieder Krieg. Auf diesem Konsens wurde die Bundesrepublik gegründet; der Friedensauftrag ist im Grundgesetz verankert. Deshalb kannte das Grundgesetz in seiner ursprünglichen Fassung keine Armee. Die Wiederbewaffnung bedeutete einen tiefen Bruch. Sie war kein einzelner Beschluss, sondern ein über Jahre vorangetriebener Prozess, der von faschistischen Kräften sowie von personellen und ideologischen Kontinuitäten aus dem Nationalsozialismus geprägt wurde. Im Jahr 1955 wurde die Bundeswehr gegründet und Jahr 1956 wurden Streitkräfte im Grundgesetz verankert. Dieser gesamte Prozess wie der Eintrag ins Grundgesetzt gehört zu den dunkelsten Stunden der Bundesrepublik. Er brach mit dem antifaschistischen und friedenspolitischen Gründungskonsens – dessen muss man sich stets bewusst sein! Auch die Kirchen versagten erneut: Große Teile ihrer Leitungen nahmen die Wiederbewaffnung hin, verliehen ihr moralische und politische Legitimität und setzten ihren gesellschaftlichen Einfluss nicht ein, um sie zu verhindern. Sie ließen zu, dass der antifaschistische und friedenspolitische Gründungskonsens in Bezug aufgekündigt wurde, statt ihn entschieden zu verteidigen. Wer Aufrüstung als Rückkehr zur Verantwortung ausgibt, verkehrt die Geschichte in ihr Gegenteil.
Kirchen müssen ohne Zweideutigkeit sprechen. Ausgewogenheit ist keine Tugend, wenn sie Täter und Opfer sprachlich auf dieselbe Ebene stellt. Neutralität ist keine Haltung, wenn Menschen vertrieben, ausgehungert und getötet werden. Wer ein Verbrechen mit so vielen Einschränkungen benennt, dass am Ende niemand verantwortlich erscheint, hat es nicht benannt, sondern verdeckt.
Die Geschichte der Kirchen ist reich an solchen Verdrängungen. Sie haben Waffen gesegnet, sich den Herrschenden untergeordnet und mitunter selbst zu den Herrschenden gehört. Sie haben Nationalismus gepredigt und die Opfer der eigenen Staaten übersehen. Später bekannten sie, nicht deutlich genug gesprochen zu haben. Doch solche Bekenntnisse bleiben folgenlos, solange Kirchen auch heute schweigen, bis Widerspruch nichts mehr kostet.
Erwachsenwerden heißt, diesen Kreislauf durchbrechen.
Es verlangt den Abschied jeder Vorstellung, militärische Gewalt verliere ihren zerstörerischen Charakter, sobald sie von den vermeintlich Richtigen ausgeübt werde. Verantwortung bedeutet, der eigenen Regierung zu widersprechen, bevor die Folgen ihres Handelns unübersehbar werden. Verantwortung darf nicht mit Loyalität gegenüber Staat, Bündnis oder Nation verwechselt werden. Krieg darf nach Gottes Willen nicht sein!
Die Vollmacht dazu wird nicht von kirchlichen Ämtern verliehen.
Das Reich Gottes ist kein Herrschaftsbereich neben anderen und keine Ordnung, die sich mit Gewalt durchsetzt. Es lässt sich nicht festhalten, und doch wird es erkennbar: wo keinem Menschen die Würde abgesprochen wird, wo Feindbilder ihre Macht verlieren und wo das Gewissen mehr gilt als der Zwang zum Töten. (Kirchen-)Gemeinden sind dazu berufen, solche Orte zu sein. Wenn sie ihren Auftrag ernst nehmen, unterbrechen sie schon durch ihr Dasein die Logik der Angst. Sie schaffen Raum für Menschen, die sich der Gewalt verweigern, ohne deshalb als feige oder schuldig zu gelten. In ihnen kann sichtbar werden, dass Frieden nicht mit Unterwerfung beginnt, sondern mit der Weigerung, einen Menschen zum Feind zu machen.
Gemeinden halten ihre Konten, Versorgungswerke und Geldanlagen aus dem Rüstungsgeschäft heraus. Sie verweigern der Bundeswehr und den Rüstungskonzernen ihre Räume, stellen Abgeordnete öffentlich zur Rede, protestieren vor Waffenbetrieben und militärischen Einrichtungen und unterstützen zivile Friedensdienste. Sie verteidigen das Völkerrecht, wenn die eigene Regierung es missachtet, und bilden Schutzgemeinschaften, in denen die Verletzlichkeit eines Menschen nicht ausgenutzt, sondern mitgetragen wird. Jede Gemeinde ist gefordert, öffentlich Position zu beziehen – auch die kleinste Ortsgemeinde.
Kirche lebt von unten, von der Wurzel her. Ihre Kraft erwächst nicht aus der Nähe zur Regierung, sondern aus der Unabhängigkeit von ihr. Sie braucht keine Erlaubnis, um Nein zu sagen. Ihr Auftrag selbst ermächtigt sie dazu. Heilung beginnt mit der Unterbrechung der Gewalt. Sie bedeutet weder, Unrecht zu vergessen, noch sich mit einer billigen Versöhnung zufriedenzugeben. Sie verlangt Wahrheit und Recht, Wiedergutmachung und die Rückgabe des Geraubten. Verantwortliche müssen entmachtet, Opfer geschützt werden. Das Ziel kann nicht darin bestehen, die Vernichtung der einen mit der Vernichtung der anderen zu beantworten. Heilung eröffnet auch Menschen, die Gewalt ausgeübt haben, einen Weg aus ihrer Rolle.
Das Bild neben diesem Text zeigt Jesus, der ein Gewehr zerbrochen hat. Es verdichtet, was er bis zu seinem letzten Atemzug vorgelebt hat: radikale Gewaltfreiheit.
Er zerbricht nicht den Menschen, der es getragen hat. Er zerbricht das Werkzeug, das Menschen zu Täter:innen und andere zu Zielen macht. Er nimmt der Gewalt ihre Macht, indem er sich weigert, ihre Logik zu übernehmen. Das zerbrochene Gewehr ist keine unverbindliche Friedensgeste. Es ist ein Urteil.
Das Gewehr muss zerbrochen werden: das Gewehr in der Hand, in den Fabriken, in den Haushalten, in den Bündnissen und in den Köpfen. Zu zerbrechen ist die Vorstellung, Gewalt könne retten. Zu zerbrechen ist der Gehorsam, der Menschen gegen ihr Gewissen handeln lässt. Zu zerbrechen ist die Angst, mit der Regierungen ihre Kriege vorbereiten.
Kirchen haben einen eindeutigen Auftrag.
Sie müssen sich dem Krieg zu widersetzen.
Sie müssen Nein sagen.
Sie müssen Aufrüstung verhindern.
Sie müssen der Gewalt die Macht nehmen.
Sie haben das Gewehr zu zerbrechen. Nicht den Menschen.