Brüderliche Vereinigung etlicher Kinder Gottes, sieben Artikel betreffend – Schleitheimer Artikel von 1527

Geschwisterlich gemeint, aus Versehen „brüderlich“ überschrieben?

Gedanken zum sog. Schleitheimer Bekenntnis

Schleitheimer Artikel, Schleitheimer Bekenntnis, Confessio Schlattensis, Täuferartikel, Kindern Gottes.
Vorderdeckel eines späteren Nachdruckes der Schleitheimer Artikel von 1527, auch Confessio Schlattensis, mit Sendebrief von Michael Sattler.

Die Schleitheimer Artikel von 1527 sind eine frühe und einflußreiche Bekenntnisschrift der Täuferbewegung. Ihr deutscher Titel lautet „Brüderliche Vereinigung etlicher Kinder Gottes, sieben Artikel betreffend“; lateinisch werden sie auch „Confessio Schlattensis“ genannt, englisch meist „Schleitheim Confession“ oder „Schleitheim Brotherly Union“. Wer nur diese Titel liest, könnte annehmen, es handle sich um eine männlich geprägte Schrift. Der Text selbst spricht jedoch eine andere sprach: In seinem Inneren wendet er sich wiederholt an „Brüder und Schwestern“. Ob die gedruckte Überschrift „Brüderliche Vereinigung etlicher Kinder Gottes …“ bereits zur ursprünglichen Textgestalt gehörte, ist nicht gesichert. Ihre einseitige Akzentuierung des „Brüderlichen“ könnte darauf hindeuten, dass sie erst im Zusammenhang mit der Drucklegung in dieser Form unautorisiert gesetzt wurde.

Dieser Unterschied ist mehr als eine sprachliche Kleinigkeit. Er öffnet den Blick auf eine Bewegung, deren Geschichte später meist von Männern erzählt und aufgeschrieben wurde, in deren frühen Jahren Frauen in Glaubensfragen aber offenbar nicht am Rand standen. Täuferinnen bekannten öffentlich ihren Glauben, lehrten und tauften und prägten Gemeinden. Die Quellenlage bleibt dürftig, und von Gleichstellung im modernen Sinn kann für das 16. Jahrhundert nicht gesprochen werden. Aber die wiederholte Formulierung „Brüder und Schwestern“ ist für ihre Zeit bemerkenswert. Sie erinnert daran: Wer nur von „Brüdern“ spricht, liest den Text enger, als der Text selbst spricht.

Die Schleitheimer Artikel wurden am 24. Februar 1527 in Schleitheim (Schlatten/Schlaate am Randen), einem Ort in der Schweiz im heutigen Kanton Schaffhausen, von einer Versammlung von Täufer:innen aus dem Oberdeutschen Raum verabschiedet – mitten in einer Zeit harter Verfolgung. Die starke Betonung von Bann und Absonderung lässt sich daher nicht allein aus einer engen Auslegung bestimmter biblischer Texte erklären. Sie war zugleich eine Reaktion auf die Bedingungen der Verfolgung. Die Abgrenzung sollte die bedrohte Gemeinschaft schützen, ihre innere Geschlossenheit sichern und das Risiko von Verrat verringern. Die Welt im frühen 16. Jahrhundert war aus den Fugen geraten. Die Reformation hatte die religiöse Ordnung erschüttert, der Bauernkrieg war gescheitert und die Hoffnungen auf soziale und politische Veränderung zerbrochen. Zugleich erschütterten die Entdeckungen seit Kolumbus das alte Weltbild. Die bekannte Welt war größer geworden, vertraute Gewißheiten gerieten ins Wanken, nichts blieb, wie es gewesen war. Handel und Geldentwertung veränderten zusätzlich die wirtschaftlichen Grundlagen Europas. Für die junge Täuferbewegung kam die Verfolgung hinzu. Sie stand unter Druck von Obrigkeit, Kirche und Mehrheitsgesellschaft.

Vor diesem Hintergrund sind die Schleitheimer Artikel keine trockene Liste religiöser Sonderlehren. Sie sind ein Krisentext. In ihnen wird gefragt, wie Nachfolge Jesu gelebt werden kann, wenn die alten Sicherheiten zerbrechen und neue Gewalt droht. Die sieben Artikel behandeln Tauf, Gemeindezucht, Abendmahl, Absonderung, Gemeindeleitung, Gewaltverzicht und Eidverweigerung. Doch entscheidend ist nicht nur, worauf sich die Versammelten einigten, sondern wie sie dieses Einigwerden verstanden.

Auffällig ist die Formulierung, sie seien „vereinigt worden“. Das klingt anders als: „Wir haben uns geeinigt.“ In dieser passivischen Wendung liegt eine wichtige Spur. Die Einigkeit erscheint nicht als Ergebnis menschlicher Abstimmung oder geschickter Vermittlung. Sie wird als etwas verstanden, das den Versammelten widerfährt: im gemeinsamen Hören, Deuten und Ringen. Hinter der geschwisterlichen Vereinigung steht eine Theologie der Einmütigkeit — ein hermeneutischer Einklang untereinander und im Geist Gottes.

Diese Einmütigkeit war keine harmlose Innerlichkeit. Sie hatte politische und soziale Folgen. Wer die Tauf nicht als frühkindliche Eingliederung in die obrigkeitlich geordnete Kirche verstand, sondern als bewusste Antwort mündiger Glaubender, entzog sich einem zentralen Muster kirchlich-politischer Zugehörigkeit. Wer das Schwert ablehnte, widersprach einer Welt, in der Herrschaft, Recht und Gewalt eng miteinander verbunden waren.
Die Schleitheimer Artikel machen diese Spannung sichtbar, ohne daraus ein Programm politischer Auflehnung zu machen. Sie verorten das Schwert als weltliche Ordnung außerhalb der „Vollkommenheit Christi“. Damit beschreiben sie nicht nur einzelne Glaubensüberzeugungen. Sie entwerfen eine andere Vorstellung von christlicher Gemeinschaft: nicht als Zugehörigkeit durch Geburt, frühkindliche Taufe, Territorium und obrigkeitliche Kirchenordnung, sondern durch bewusste Entscheidung, gemeinsame Praxis und Gewaltverzicht.
Der Blick richtet sich damit noch nicht auf eine moderne Vorstellung rechtlich gleicher Zugehörigkeit aller Menschen zum Gemeinwesen. Sichtbar wird aber ein Bruch mit der damals selbstverständlichen Verknüpfung von Geburt, Taufe und obrigkeitlicher Kirchenbindung. Wo diese Verknüpfung sich löst, öffnet sich ein anderer Horizont: Ein Gemeinwesen muss nicht auf religiöser Einheitlichkeit beruhen. Es soll Menschen verschiedener oder auch keiner religiösen Zugehörigkeit umfassen.

Für heutig Betrachter:innen liegt die Bedeutung des Textes gerade in dieser Spannung. Die Artikel sind tief in ihrer Zeit verwurzelt und zugleich mehr als ein historisches Relikt. Für Teile der mennonitischen Welt bleibt Schleitheim Teil einer Bekenntnistradition; andere täuferisch-mennonitische Gemeinschaften verstehen sich bekenntnisfrei oder vermeiden verbindliche Bekenntnisse, gerade weil solche Texte auch abgrenzen können. Für sie ist Schleitheim vor allem ein historisches Dokument, das damaliges Handeln verstehen hülft. Für mennonitische, amische und hutterische Gemeinschaften bleibt Schleitheim zumindest ein wichtiger Erinnerungsort ihrer Geschichte.

Die Schleitheimer Artikel sind also nicht nur wegen ihrer sieben Punkte interessant. Sie zeigen, wie eine bedrängte Minderheit nach Bauernkrieg und enttäuschter Hoffnung, aber mitten in Verfolgung und Unsicherheit, nach einem Weg suchte, gemeinsam weiterzugehen. Sie geben Einblick in die frühe Täuferbewegung, die ihre Hoffnung nicht an Herrschaft, Zwang oder Gewalt band, sondern an Einmütigkeit, Nachfolge mit dem Leben und geschwisterliche Gemeinschaft.

Stand 2014, PD


Die Urheberschaft der Schleitheimer Artikel ist nicht im modernen Sinn individueller Autorschaft zu bestimmen. Zwar wird Michael Sattler in der Forschung weithin als Hauptverfasser beziehungsweise als entscheidende redaktionelle und theologische Gestalt angesehen. Diese Zuschreibung hebt jedoch den Versammlungscharakter des Textes nicht auf. Die Artikel gingen aus der Täuferversammlung von Schleitheim im Februar 1527 hervor und wurden dort als gemeinsame Ordnung beraten und angenommen. Sattlers Anteil ist daher am präzisesten als leitende redaktionelle, sprachliche und theologische Formgebung eines kollektiv verantworteten Dokuments zu beschreiben. Die Schleitheimer Artikel sind somit weder allein Sattlers Privatentwurf noch ein anonymes Gemeindepapier, sondern ein unter seinem maßgeblichen Einfluss entstandener Konsenstext der versammelten Täufer:innen.

Vgl. John Howard Yoder, Hg./Übers., The Legacy of Michael Sattler, Scottdale, PA 1973; Matthew Rowley / Marietta van der Tol, „Michael Sattler, The Schleitheim Articles (1527)“, in: dies., Hg., A Global Sourcebook in Protestant Political Thought, Bd. 1, London/New York 2024, 127–129; C. Arnold Snyder, The Life and Thought of Michael Sattler, Scottdale, PA 1984, bes. 89–100; ders., „The Birth and Evolution of Swiss Anabaptism (1520–1530)“, Mennonite Quarterly Review 80, 2006;  Gerald Biesecker-Mast, „Anabaptist Separation and Arguments against the Sword in the Schleitheim Brotherly Union“, Mennonite Quarterly Review 74, 2000, 381–402.


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