Die Augsburger Täufersynode von 1527

Eine kurze quellenkritische Studie zu Erinnerung, Ambivalenz und ausbleibender Traditionsbildung

Die Augsburger Täufersynode von 1527 gehört zu jenen Ereignissen der frühen Täuferbewegung, deren spätere Bedeutung in einem auffälligen Mißverhältnis zu ihrer überlieferten Wirkung steht. Das Treffen wird häufig unter der Bezeichnung „Märtyrersynode“ geführt. Diese Bezeichnung ist jedoch keine neutrale Beschreibung des Ereignisses, sondern eine nachträgliche Deutung. Sie rückt das spätere Schicksal vieler Beteiligter in den Vordergrund: Verhaftung, Verfolgung, Widerruf, Hinrichtung und Tod. Über den lehrhaften Gehalt der Zusammenkunft sagt sie zunächst wenig aus.[1]

Gerade hierin liegt das Grundproblem dieser Studie. Die Augsburger Zusammenkunft war offenbar kein nebensächliches Treffen. Nach den erhaltenen Angaben kamen vom 20. bis 24. August 1527 in Augsburg zahlreiche führende Täufer aus unterschiedlichen Regionen und Richtungen zusammen. Genannt werden unter anderem Hans Hut, Jakob Groß, Jakob Dachser, Sigmund Salminger, Leonhard Schiemer, Hans Schlaffer und Hans Leupold.[2] Die spätere Verfolgung vieler Beteiligter zeigt, daß auch die Obrigkeit das Treffen als gefährlich einschätzte. Dennoch ging aus Augsburg kein dauerhaft wirksamer Lehrtext, keine bekannte Ordnung und kein Bekenntnis hervor, das innerhalb späterer täuferischer Traditionen eine ähnliche Rolle gespielt hätte wie die Schleitheimer Artikel desselben Jahres.[3]

Die vorliegende Studie fragt daher nicht allgemein nach der gesamten Augsburger Täufergeschichte. Sie untersucht auch nicht die frühe Täuferbewegung in seiner ganzen Breite. Im Mittelpunkt steht eine engere Frage: Warum wurde die Augsburger Täufersynode von 1527 nicht zur lehrhaften Bezugsgröße späterer täuferischer Traditionen?

Diese Frage ist nur quellenkritisch zu bearbeiten. Für die Augsburger Synode ist keine Beschlußschrift überliefert. Es gibt kein Protokoll, das ihre Ergebnisse festhielte. Die Rekonstruktion ist auf verstreute Hinweise, spätere Darstellungen, Verhörakten und erinnerungsgeschichtliche Zeugnisse angewiesen.[4] Diese Lage erklärt einen Teil der fehlenden Traditionsbildung: Verfolgung, Flucht, Beschlagnahmung, Hinrichtungen und die lose Struktur der frühen Bewegung konnten eine eigene Überlieferung verhindern. Doch möglicherweise reicht diese Erklärung nicht aus. Zu prüfen ist auch, ob Augsburg 1527 gerade deshalb keine positive Lehrtradition bildete, weil die dort verhandelten Positionen für spätere täuferische Selbstdeutungen nur eingeschränkt anschlußfähig waren.

Der Begriff „täuferisch“ wird dabei bewußt vorsichtig verwendet. Für das Jahr 1527 bezeichnet er noch keine geschlossene Konfession und keine einheitliche Lehre. Gemeint ist vielmehr eine rückblickende Sammelkategorie für verschiedene Gruppen, die durch Bekenntnistaufe, Gemeindebildung, Kritik an obrigkeitlich-kirchlicher Ordnung und in bestimmten Linien durch Eidesverweigerung und Schwertverzicht verbunden waren. Gerade diese Uneinheitlichkeit gehört zum Thema. Augsburg erscheint nicht als Ort geschlossener täuferischer Einheit, sondern als Konfliktpunkt innerhalb einer jungen, noch wenig gefestigten Bewegung.

Besonders wichtig ist dabei die Spannung zwischen einer stärker gemeindlich-friedensethischen Linie und einer apokalyptisch zugespitzten Richtung. Jakob Groß steht in diesem Zusammenhang für eine Richtung, die mit Schleitheim, Schwertverzicht und Eidesverweigerung verbunden werden kann. Hans Hut dagegen steht für eine endzeitlich geschärfte Missionsbewegung, deren Endgerichtserwartung politisch brisant war.[5] Dazwischen sind Jakob Dachser und Sigmund Salminger als Vertreter der lokalen Augsburger Gemeinde zu berücksichtigen. Dachsers 1527 erschienene Programmschrift der Augsburger Täufergemeinde könnte für die Selbstdeutung dieses Kreises besonders wichtig sein.[6]

Die These dieser Studie lautet: Die Augsburger Täufersynode von 1527 blieb vermutlich nicht nur wegen Quellenverlust und Verfolgung traditionsgeschichtlich schwach, sondern auch wegen ihrer inneren Ambivalenz. In ihr wurden Spannungen sichtbar — besonders zwischen der apokalyptischen Richtung um Hans Hut und der gemeindlich-friedensethischen Linie um Jakob Groß —, die spätere täuferische Selbstdeutungen kaum positiv aufnehmen konnten. Daher wurde Augsburg vor allem als Märtyrerereignis erinnerbar, nicht als Bekenntnis- oder Ordnungstext.

Schleitheim dient in dieser Studie nur als Vergleichsfolie, nicht als Gegenbild. Auch die Schleitheimer Artikel waren keine zeitlose Form einer ursprünglichen, harmonischen Täuferbewegung. Sie tragen selbst deutliche Spuren von Verfolgung, Bedrohung und Abgrenzungsdruck. Ihre Strenge in Bann, Absonderung und Verhältnis zur Obrigkeit ist als Krisenordnung zu verstehen. Der Unterschied zu Augsburg liegt nicht darin, daß Schleitheim „rein“ und Augsburg „verraten“ gewesen wäre. Der Unterschied liegt darin, daß Schleitheim eine traditionsfähige Form gewann, während Augsburg 1527 vor allem als ambivalentes und später kaum lehrhaft nutzbares Ereignis zurückblieb.

Ebensowenig darf aus der fehlenden Traditionsbildung der Synode geschlossen werden, Augsburg sei als täuferischer Ort bedeutungslos geworden. Die spätere Wirksamkeit Pilgram Marpecks zeigt das Gegenteil. Von 1544 bis zu seinem Tod 1556 lebte Marpeck in Augsburg,[7] stand in städtischem Dienst und hielt zugleich ein verborgenes täuferisches Gemeindeleben aufrecht. Augsburg blieb also ein wichtiger Ort täuferischer Geschichte. Nicht Augsburg verschwand, sondern die Synode von 1527 wurde nicht zur tragenden Lehrtradition.

Die Studie verfolgt daher ein begrenztes Ziel. Sie will weder die Ereignisse von 1527 vollständig rekonstruieren noch eine Gesamtgeschichte der Augsburger Täufer schreiben. Sie fragt nach der fehlenden Traditionsbildung eines Treffens, das historisch wichtig war, aber offenbar keine dauerhafte normative Gestalt gewann. Damit rückt weniger das Martyrium selbst in den Mittelpunkt als die Frage, warum ein später als „Märtyrersynode“ erinnerter Konfliktpunkt kaum als Lehrereignis weiterwirkte.

 

Anmerkungen zu Kapitel 1

[1] Vgl. Christian Hege / Harold S. Bender, „Martyrs’ Synod“, in: Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online. Die Bezeichnung wird dort vom späteren Schicksal vieler Beteiligter her erklärt.

[2] Vgl. Hege / Bender, „Martyrs’ Synod“. Zur Augsburger Täufergeschichte und zur lokalen Gemeinde vgl. auch „Augsburg“, in: MennLex V.

[3] Zur fehlenden eigenen Aufzeichnung der Augsburger Synode vgl. Hege / Bender, „Martyrs’ Synod“. Zur traditionsbildenden Bedeutung der Schleitheimer Artikel wird im weiteren Verlauf der Studie gesondert zurückzukehren sein.

[4] Zur Rekonstruktion über spätere Verhöre und knappe Nachrichten vgl. Hege / Bender, „Martyrs’ Synod“; außerdem „Augsburg“, in: Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online.

[5] Vgl. „Hut, Hans (d. 1527)“, in: Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online. Dort wird Huts apokalyptische Lehre ebenso erwähnt wie der Unmut, den sie im Umfeld der Augsburger Synode auslöste.

[6] Vgl. „Augsburg“, in: MennLex V. Dort wird Jakob Dachsers im Juli oder August 1527 erschienene Programmschrift der Augsburger Täufergemeinde genannt: Ein göttlich und gründlich Offenbarung von den wahrhaftigen Widertäufern, mit göttlicher Wahrheit angezeigt.

[7] Vgl. Martin Rothkegel, „Marpeck, Pilgram“, in: MennLex V. Dort ist Augsburg vom Februar 1544 bis zu Marpecks Tod 1556 als ständiger Wohnort dokumentiert; zugleich wird sein verborgenes täuferisches Gemeindeleben in Augsburg erwähnt.

Die Augsburger Täufersynode von 1527 ist weniger durch eigene Texte als durch Spuren in fremden, späteren oder konfliktgeladenen Quellen greifbar. Gerade deshalb muß jede Deutung des Ereignisses zwischen historischer Rekonstruktion und späterer Erinnerung unterscheiden. Das gilt nicht nur für die erhaltenen Nachrichten, sondern bereits für die Begriffe, mit denen das Treffen beschrieben wird.

Am schwersten wiegt das Fehlen eigener Synodalakten. Für Augsburg ist keine Beschlußschrift überliefert, kein Protokoll, keine verbindliche Ordnung und keine gesicherte Selbstbezeichnung der Versammlung.[1] Damit unterscheidet sich Augsburg grundlegend von Schleitheim, wo die Artikel selbst eine spätere Traditionsbildung ermöglichten.[2] Für Augsburg muß dagegen aus verstreuten Hinweisen rekonstruiert werden, wer teilnahm, welche Fragen verhandelt wurden und welche Bedeutung die Zusammenkunft für die beteiligten Gruppen hatte.

Diese Rekonstruktion stützt sich vor allem auf indirekte Quellen. Dazu gehören obrigkeitliche Akten, Verhöre, spätere Berichte, täuferische Erinnerungstexte und moderne Forschungsliteratur. Jede dieser Quellengruppen ist mit eigenen Problemen verbunden. Verhöre können wichtige Einzelheiten enthalten, entstanden aber unter Druck, in Strafverfahren und häufig im Horizont obrigkeitlicher Gefahrenabwehr. Spätere Märtyrerüberlieferungen bewahren Namen und Schicksale, können aber innere Spannungen glätten oder das Ereignis vom Tod der Beteiligten her deuten. Moderne Forschung wiederum ist auf diese problematische Überlieferung angewiesen und muß deren Lücken und Verzerrungen mitbedenken.[3]

Besonders vorsichtig ist mit der Bezeichnung „Märtyrersynode“ umzugehen. Sie ist erinnerungsgeschichtlich verständlich, weil viele Beteiligte später verhaftet, vertrieben oder hingerichtet wurden. Als analytischer Begriff ist sie jedoch nur begrenzt brauchbar. Sie legt nahe, das Treffen vor allem vom späteren Leiden der Beteiligten her zu verstehen. Dadurch kann verdeckt werden, daß Augsburg 1527 zunächst ein Ort innertäuferischer Verständigung, Auseinandersetzung und möglicherweise auch Zuspitzung war. Der Begriff beschreibt daher weniger den Charakter des Treffens selbst als seine spätere Deutung.[4]

Auch der Begriff „Synode“ ist nicht unproblematisch. Er kann eine geordnete, institutionell gefestigte Versammlung mit Beschlüssen und verbindlicher Repräsentation nahelegen. Genau dies ist für Augsburg 1527 aber nur eingeschränkt nachweisbar. Die Bezeichnung wird in dieser Studie dennoch verwendet, weil sie sich in der Forschung eingebürgert hat und die überregionale Bedeutung des Treffens ausdrückt. Sie ist jedoch als Arbeitsbegriff zu verstehen, nicht als Beweis für eine bereits ausgebildete täuferische Institution.[5]

Ähnliches gilt für den Begriff „täuferisch“. Im Jahr 1527 war die Täuferbewegung keine einheitliche Konfession mit festem Lehrbestand, sondern eine junge, vielgestaltige Bewegung. Sie umfaßte unterschiedliche Gruppen, lokale Gemeinden, wandernde Prediger, spiritualistische Einflüsse, apokalyptische Erwartungen und gemeindlich-friedensethische Ordnungsversuche. Wer rückblickend von „täuferisch“ spricht, faßt daher Verschiedenes zusammen, das von den Beteiligten nicht notwendig schon als geschlossene gemeinsame Identität verstanden wurde.[6]

Für diese Studie ist der Begriff dennoch nicht verzichtbar. Er bezeichnet keine fertige Konfession, sondern eine rückblickend erkennbare Bewegung, die sich durch Bekenntnistaufe, Gemeindebildung und Kritik an der Verbindung von Kirche und Obrigkeit auszeichnete. Auch Eidesverweigerung, Schwertverzicht und eine scharfe Abgrenzung gegenüber der bestehenden kirchlichen und politischen Ordnung gehören dazu. Gerade weil diese Linien 1527 noch nicht einheitlich geordnet waren, kann Augsburg als Konfliktpunkt sichtbar werden.

Aus dieser Quellen- und Begriffslage ergibt sich die methodische Begrenzung der Untersuchung. Es wäre nicht sinnvoll, nach einem verlorenen „Programm Augsburgs“ zu suchen, als habe es eine klare, nur zufällig nicht erhaltene Beschlußfassung gegeben. Ebenso wenig läßt sich aus der schlechten Überlieferung einfach auf geringe historische Bedeutung schließen. Die Studie fragt daher anders: Welche Spuren lassen erkennen, daß in Augsburg zentrale Spannungen der frühen Täuferbewegung sichtbar wurden, und warum wurden diese Spuren später kaum zu einer lehrhaften Tradition verdichtet?

Damit rückt die fehlende Traditionsbildung selbst in den Mittelpunkt. Nicht nur das Ereignis von 1527 ist erklärungsbedürftig, sondern auch seine spätere Gestalt im Gedächtnis. Die Augsburger Täufersynode wurde nicht durch einen eigenen Text wirksam, sondern vor allem durch das Schicksal ihrer Beteiligten erinnerbar. Gerade diese Verschiebung vom Lehrereignis zum Märtyrerereignis bildet den Ausgangspunkt der weiteren Untersuchung.

 

Anmerkungen zu Kapitel 2

[1] Vgl. Christian Hege / Harold S. Bender, „Martyrs’ Synod“, in: Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online. Dort wird ausdrücklich darauf hingewiesen, daß keine Aufzeichnung der Zusammenkunft erhalten ist. Gemeint ist hier daher nicht, daß es während oder nach der Zusammenkunft keinerlei schriftliche Notiz gegeben haben kann, sondern daß keine traditionsbildende Synodalakte oder Beschlußschrift überliefert ist.

[2] Vgl. „An Anabaptist Confession of Faith — The Schleitheim Articles (1527)“, in: German History in Documents and Images. Die Schleitheimer Artikel werden dort als 1527 entstandenes Unionsdokument und als bekannte täuferische Glaubensaussage eingeordnet.

[3] Zur indirekten Rekonstruktion der Augsburger Täufersynode vgl. Hege / Bender, „Martyrs’ Synod“; außerdem „Augsburg“, in: Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online.

[4] Vgl. Hege / Bender, „Martyrs’ Synod“. Die Bezeichnung wird dort vom späteren Schicksal zahlreicher Beteiligter her erklärt.

[5] Vgl. „Täufer“, in: Stadtlexikon Augsburg. Dort wird das Treffen selbst mit Anführungszeichen als „Synode“ bezeichnet und zugleich mit den Erwartungshaltungen des nahen Weltendes sowie mit strittigen Fragen zu Obrigkeit, Eid und Kriegsdienst verbunden. Diese Formulierung zeigt die etablierte, aber erklärungsbedürftige Verwendung des Begriffs.

[6] Zur Vielgestaltigkeit des frühen Täufertums vgl. die einschlägigen Überblicksdarstellungen bei MennLex V und GAMEO, insbesondere die Artikel „Augsburg“ und „Martyrs’ Synod“. Die dort genannten Personen und Strömungen zeigen bereits, daß Augsburg 1527 nicht als Versammlung einer fertigen Konfession gelesen werden kann.

Die Augsburger Täufersynode von 1527 ist nicht nur wegen der schlechten Überlieferung schwer zu deuten, sondern auch wegen der inneren Spannungen, die in ihr sichtbar werden. Sie war kein Treffen einer bereits geschlossenen Bewegung mit einheitlichem Lehrbestand. Vielmehr kamen in Augsburg verschiedene Richtungen zusammen, die zwar durch Taufe, Gemeindeidee und Kritik an der bestehenden kirchlichen Ordnung verbunden waren, aber in zentralen Fragen voneinander abwichen. Gerade darin liegt ihre Bedeutung für die Frage nach der fehlenden Traditionsbildung.[1]

Im Mittelpunkt dieser Spannung steht Hans Hut. Er gehörte zu den einflußreichsten Gestalten des süddeutschen und österreichischen Täuferbewegung. Seine Verkündigung war durch eine starke Endzeiterwartung geprägt. Die Nähe zum Müntzer-Erbe, die Erwartung eines nahen göttlichen Gerichts und die Dringlichkeit missionarischer Sammlung verliehen seiner Bewegung eine besondere Dynamik. Hut war kein bloßer Gemeindelehrer, sondern ein endzeitlicher Missionar. Die Sammlung der Gläubigen stand bei ihm unter dem Druck der erwarteten Wende der Geschichte.[2]

Für spätere täuferische Selbstdeutungen war diese Prägung schwer anschlußfähig. Sie war nicht einfach identisch mit bewaffneter Aufstandsbereitschaft, doch sie enthielt eine politische Brisanz, die kaum übersehen werden konnte. Wo das nahe Gericht Gottes über die Gottlosen, die Obrigkeit oder die bestehende Ordnung erwartet wurde, berührte religiöse Hoffnung unmittelbar die politische Ordnung. In diesem Sinn war Huts Richtung nicht nur apokalyptisch, sondern auch gefährlich deutbar. Genau diese Deutbarkeit muß für Augsburg ernst genommen werden.[3]

Gegenüber Hut ist Jakob Groß als Vertreter einer anderen Linie wichtig. Er wird mit der schweizerischen beziehungsweise schleitheimerisch geprägten Richtung verbunden. Diese Linie betonte Gemeindebildung, Eidesverweigerung, Distanz zur obrigkeitlichen Gewalt und Schwertverzicht. Groß steht daher nicht einfach für eine fertige „Täuferbewegung“, wohl aber für jene Grundsätze, die später innerhalb vieler täuferischer Traditionen deutlich anschlußfähiger wurden als Huts apokalyptische Zuspitzung.[4]

Dabei ist auch Groß nicht zu modernisieren. Er sollte nicht vorschnell als Pazifist im späteren Sinn gelesen werden. Wichtiger ist, daß er in Augsburg eine Richtung vertrat, die das Verhältnis zu Eid, Schwert und Obrigkeit anders bestimmte als Hut. In dieser Differenz wird sichtbar, daß die Augsburger Synode nicht nur organisatorische Fragen behandelte, sondern Grundfragen täuferischer Selbstordnung berührte. Die Frage war nicht bloß, wie Mission betrieben werden sollte, sondern auch, wie sich die neue Gemeinde gegenüber weltlicher Gewalt und politischer Herrschaft zu verhalten habe.[5]

Neben Hut und Groß dürfen Jakob Dachser und Sigmund Salminger nicht als Nebenfiguren behandelt werden. Beide gehörten zur lokalen Augsburger Gemeinde und verweisen darauf, daß Augsburg nicht nur Schauplatz eines Konflikts zwischen auswärtigen Richtungen war. Es gab eine eigene städtische Gemeindestruktur, eigene Leitungspersonen und offenbar auch den Versuch einer programmatischen Selbstdeutung. Besonders Dachser ist hier wichtig, weil ihm eine 1527 erschienene Schrift der Augsburger Täufergemeinde zugeschrieben wird. Diese Schrift könnte zeigen, wie sich die Augsburger Gruppe selbst verstand und welche Linien sie gegenüber Gegnern und Sympathisierenden betonen wollte.[6]

Dachser und Salminger zeigen zugleich die prekäre Lage der lokalen Gemeindeleitung. Sie standen in einem Umfeld, in dem täuferische Überzeugung, städtischer Druck, Verhöre, Widerruf und spätere Neuorientierung eng beieinander lagen. Gerade deshalb eignen sie sich kaum als einfache Märtyrerfiguren oder als eindeutige Vertreter einer dauerhaft gefestigten Tradition. Ihre Rolle macht sichtbar, daß Augsburg 1527 nicht nur ein Treffen wandernder Prediger war, sondern ein Ereignis innerhalb einer konkreten städtischen Gemeinde, deren weitere Entwicklung von Verfolgung und Anpassungsdruck geprägt wurde.[7]

Die Spannung der Synode läßt sich daher nicht auf einen einfachen Gegensatz reduzieren. Es ging nicht schlicht um Hut gegen Groß, Apokalyptik gegen Friedensethik oder Augsburg gegen Schleitheim. Vielmehr kreuzten sich mehrere Linien: die lokale Augsburger Gemeinde, die schleitheimerische Tradition, die süddeutsch-apokalyptische Mission und die Frage nach gemeinsamer Ordnung. Genau diese Überlagerung machte Augsburg bedeutsam, aber auch schwer traditionsfähig.

Für die spätere Erinnerung war diese Lage ungünstig. Ein traditionsbildendes Ereignis braucht nicht notwendig völlige Einheit, aber es braucht eine Form, in der spätere Gruppen sich wiedererkennen können: einen Text, eine Ordnung, eine klare Entscheidung oder eine Gestalt, die als Vorbild dienen kann. Augsburg bot offenbar keines dieser Elemente in dauerhaft greifbarer Form. Die bekannten Personen standen nicht für eine gemeinsame, später leicht zitierbare Lehre, sondern für eine konfliktreiche Übergangssituation.

Hans Hut starb bald nach der Synode in Augsburger Haft. Viele andere Beteiligte wurden verhaftet, hingerichtet oder vertrieben. Jakob Groß, Jakob Dachser und Sigmund Salminger gingen später Wege, die sie nicht zu stabilen Erinnerungsfiguren einer täuferischen Lehrtradition machten.[8] Damit verstärkte sich, was bereits in der Sache angelegt war: Augsburg blieb als Ereignis wichtig, aber nicht als normativer Ursprung. Die Synode wurde im Rückblick weniger durch ihre Inhalte als durch die Verfolgung ihrer Beteiligten erinnerbar.

Gerade deshalb ist Augsburg für die Geschichte der frühen Täuferbewegung so aufschlußreich. Die Synode zeigt eine Bewegung, die noch nicht zu späteren Ordnungen geronnen war. Sie zeigt konkurrierende Antworten auf Verfolgung, Mission, Endzeit und Gewaltfrage. Und sie zeigt, daß nicht jedes historisch wichtige Ereignis auch traditionsbildend wird. Die Augsburger Täufersynode war ein Knotenpunkt, aber kein Ursprungstext.

 

Anmerkungen zu Kapitel 3

[1] Vgl. Christian Hege / Harold S. Bender, „Martyrs’ Synod“, in: Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online; außerdem „Augsburg“, in: MennLex V. Beide Darstellungen zeigen, daß in Augsburg Vertreter verschiedener täuferischer Gruppen und Regionen zusammenkamen.

[2] Vgl. Gottfried Seebaß, Müntzers Erbe. Werk, Leben und Theologie des Hans Hut, Gütersloh 2002; ergänzend „Hut, Hans“, in: MennLex V, sowie „Hut, Hans (d. 1527)“, in: Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online.

[3] Vgl. Seebaß, Müntzers Erbe; außerdem „Hut, Hans“, in: MennLex V. Die Formulierung „politisch brisant“ meint hier nicht den Nachweis eines konkreten Aufstandsplans, sondern die obrigkeitlich gefährliche Deutbarkeit apokalyptischer Gerichtserwartung.

[4] Zu Jakob Groß und der schweizerisch-schleitheimerischen Linie vgl. John H. Yoder, The Legacy of Michael Sattler, Scottdale 1973, S. 29 f.; ferner Hans Guderian, Die Täufer in Augsburg. Ihre Geschichte und ihr Erbe, Pfaffenhofen 1984.

[5] Zur differenzierten Haltung Groß’ gegenüber Eid, Waffentragen und Tötungsverweigerung vgl. Werner O. Packull, Pilgram Marpeck: His Life and Social Theology, Durham/London 1995, S. 50. Packull beschreibt Groß als vermittelnde Figur, die den Eid verweigerte und das Töten ablehnte, ohne damit einfach in moderne Kategorien eines späteren Pazifismus zu passen.

[6] Vgl. „Augsburg“, in: MennLex V. Dort wird Jakob Dachsers im Juli oder August 1527 erschienene Schrift Ein göttlich und gründlich Offenbarung von den wahrhaftigen Widertäufern, mit göttlicher Wahrheit angezeigt als Programmschrift der Augsburger Täufergemeinde genannt. Zu Dachser vgl. außerdem „Dachser“, in: Stadtlexikon Augsburg.

[7] Zu Salminger vgl. „Salminger, Sigmund“, in: Neue Deutsche Biographie / Deutsche Biographie; zu Dachser vgl. „Dachser“, in: Stadtlexikon Augsburg. Zur Rolle der lokalen Augsburger Gemeinde vgl. außerdem „Augsburg“, in: Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online.

[8] Zu Huts Tod in Augsburger Haft vgl. „Hut, Hans“, in: MennLex V; zu den Verhaftungen und den späteren Widerrufen von Salminger, Dachser und Groß vgl. „Augsburg“, in: Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online.

Die fehlende Traditionsbildung der Augsburger Täufersynode läßt sich nicht monokausal erklären. Sie entstand vermutlich aus dem Zusammenwirken von Verfolgung, fehlender Schriftform, innerer Ambivalenz und späterer erinnerungsgeschichtlicher Auswahl. Keine dieser Erklärungen genügt für sich allein. Erst ihr Zusammenspiel macht verständlich, warum Augsburg 1527 historisch bedeutsam war, aber kaum als lehrhafte Bezugsgröße wirksam wurde.

Zunächst liegt die Erklärung im äußeren Druck. Viele Beteiligte der Augsburger Zusammenkunft gerieten bald nach dem Treffen in Verfolgung. Einige wurden verhaftet, andere hingerichtet, vertrieben oder zum Widerruf gedrängt.[1] Unter solchen Bedingungen konnte kaum eine stabile eigene Überlieferung entstehen. Wer hätte Beschlüsse bewahren, abschreiben, verbreiten oder auslegen sollen, wenn zentrale Personen starben, in Haft gerieten oder ihre täuferischen Überzeugungen widerriefen? Die Verfolgung wirkte daher nicht nur gegen Personen, sondern auch gegen Erinnerung.

Doch Quellenverlust allein erklärt die Sache nicht vollständig. Auffällig bleibt, daß Augsburg keinen Text hervorbrachte, der später eine vergleichbare Funktion hätte übernehmen können wie die Schleitheimer Artikel. Für Schleitheim lag ein kurzer, klarer und traditionsfähiger Ordnungstext vor.[2] Augsburg dagegen blieb ohne überliefertes Protokoll, ohne Beschlußformel und ohne allgemein zitierbare Selbstdeutung.[3] Selbst wenn einzelne programmatische Schriften aus dem Augsburger Umfeld vorhanden waren, wurden sie offenbar nicht zur gemeinsamen Stimme der Synode.

Damit rückt die innere Ambivalenz der Zusammenkunft in den Vordergrund. In Augsburg trafen verschiedene Richtungen aufeinander, deren Verhältnis zueinander nicht abschließend geklärt war. Die apokalyptisch geprägte Mission Hans Huts, die stärker gemeindlich-friedensethische Linie Jakob Groß’, die lokale Augsburger Gemeinde um Dachser und Salminger sowie weitere Prediger und Abgesandte bildeten kein leicht zu harmonisierendes Gesamtbild.[4] Gerade die Fragen, die später für täuferische Identität wichtig wurden — Eid, Schwert, Obrigkeit, Gemeindezucht, Mission und Endzeit — scheinen in Augsburg nicht in einer später eindeutig nutzbaren Form entschieden worden zu sein.

Die spätere täuferische Erinnerung hatte daher wenig Anlaß, Augsburg als normative Quelle hochzuhalten. Ein Ereignis kann im Gedächtnis einer Bewegung fortleben, wenn es Orientierung bietet: durch einen Text, eine klare Entscheidung, eine vorbildliche Person oder eine wiederholbare Ordnung. Augsburg bot vor allem ein anderes Gedächtnismotiv: das Leiden der Beteiligten. Die Versammlung wurde erinnerbar, weil viele ihrer Teilnehmer verfolgt wurden, nicht weil sie eine verbindliche Lehrform hinterließ.[5]

Der Vergleich mit Schleitheim macht diesen Unterschied sichtbar, ohne Schleitheim zu idealisieren. Auch die Schleitheimer Artikel waren eine Krisenreaktion. Ihre Strenge in Bann, Absonderung und Eidesverweigerung ist ohne Verfolgung und Bedrohung kaum angemessen zu verstehen. Dennoch besaßen sie eine feste Form. Sie konnten abgeschrieben, diskutiert, abgelehnt, aufgenommen oder weitergegeben werden. Gerade diese Form machte sie traditionsfähig. Augsburg dagegen blieb ein Ereignis, dessen Inhalte vor allem indirekt erschlossen werden müssen.[6]

Daraus folgt nicht, daß Augsburg als Ort täuferischer Geschichte verschwand. Die spätere Rolle Pilgram Marpecks zeigt vielmehr, daß Augsburg weiterhin Bedeutung behielt. Entscheidend ist daher die Unterscheidung zwischen Ort und Ereignis. Augsburg blieb ein Raum täuferischer Gemeindebildung und späterer theologischer Arbeit.[7] Die Synode von 1527 aber wurde nicht zum normativen Ursprung. Sie blieb ein früher Knotenpunkt, kein dauerhaftes Lehrfundament.

Diese Unterscheidung schützt vor zwei Fehlschlüssen. Der erste bestünde darin, aus der schlechten Überlieferung auf geringe Bedeutung zu schließen. Die Synode war offenbar wichtig genug, um führende Personen zusammenzuführen und obrigkeitliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Der zweite Fehlschluß bestünde darin, aus dem späteren Märtyrergedenken auf eine klare gemeinsame Lehre zu schließen. Gerade das Martyrium konnte verdecken, daß das Treffen selbst innerlich spannungsreich und nur begrenzt traditionsfähig war.

Die fehlende Traditionsbildung ist daher nicht einfach ein Zufall der Überlieferung. Sie verweist auf das Profil des Ereignisses selbst. Augsburg war ein Ort der Sammlung, der Mission und der Auseinandersetzung, aber offenbar kein Ort einer dauerhaft tragfähigen Ordnung. Was blieb, war nicht ein Bekenntnis, sondern eine gebrochene Erinnerung: die Erinnerung an Menschen, die nach dem Treffen verfolgt wurden, und an eine Zusammenkunft, deren Inhalte nie die feste Gestalt eines normativen Textes annahmen.

So erklärt sich auch die spätere Bezeichnung „Märtyrersynode“. Sie bewahrt ein reales Moment: das Leiden vieler Beteiligter. Zugleich verschiebt sie den Blick. Sie macht das Treffen über seine Opfergeschichte erinnerbar und entlastet spätere Traditionen davon, die inhaltliche Ambivalenz der Synode selbst stark zu gewichten. Gerade darin liegt ihre erinnerungsgeschichtliche Funktion: Sie hält Augsburg im Gedächtnis, aber nicht als Lehrereignis.[8]

 

Anmerkungen zu Kapitel 4

[1] Vgl. Christian Hege / Harold S. Bender, „Martyrs’ Synod“, in: Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online. Dort wird die spätere Bezeichnung der Synode ausdrücklich mit dem Tod vieler Beteiligter als Märtyrer verbunden. Vgl. auch „Augsburg“, in: MennLex V, zur Verfolgung, zu Hinrichtungen und zu Widerrufen nach 1527.

[2] Vgl. „The Schleitheim Confession of Faith“, in: Christian History Institute; außerdem „An Anabaptist Confession of Faith — The Schleitheim Articles (1527)“, in: German History in Documents and Images. Beide Darstellungen machen sichtbar, daß Schleitheim als überlieferter Text eine andere Traditionsform bot als Augsburg.

[3] Vgl. Hege / Bender, „Martyrs’ Synod“; „Augsburg (Freistaat Bayern, Germany)“, in: Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online. Dort heißt es, daß keine Aufzeichnung der Augsburger Synode erhalten ist und die Nachrichten knapp bleiben.

[4] Zur Beteiligung unterschiedlicher Personen und Richtungen vgl. Hege / Bender, „Martyrs’ Synod“; „Augsburg“, in: MennLex V; zu Hans Hut besonders „Hut, Hans“, in: MennLex V.

[5] Vgl. Hege / Bender, „Martyrs’ Synod“. Die Benennung als „Märtyrersynode“ setzt bereits diese erinnerungsgeschichtliche Verschiebung voraus.

[6] Zu Schleitheim als sieben Artikel umfassender Ordnung vgl. „The Schleitheim Confession of Faith“, in: Christian History Institute. Die Artikel behandeln Taufe, Bann, Brotbrechen, Absonderung, Hirten, Schwert und Eid.

[7] Vgl. Martin Rothkegel, „Marpeck, Pilgram“, in: MennLex V. Dort ist Augsburg vom Februar 1544 bis zu Marpecks Tod 1556 als ständiger Wohnort dokumentiert; zugleich wird sein verborgenes täuferisches Gemeindeleben in Augsburg beschrieben.

[8] Vgl. Hege / Bender, „Martyrs’ Synod“. Die Anmerkung dient hier weniger als Nachweis einer einzelnen Sachangabe, sondern als Beleg für die erinnerungsgeschichtliche Rahmung des Ereignisses über das spätere Leiden vieler Beteiligter.

 

Die Augsburger Täufersynode von 1527 wurde nicht zu einer lehrmäßigen Bezugsgröße späterer täuferischer Traditionen. Diese fehlende Traditionsbildung läßt sich nicht durch einen einzelnen Grund erklären. Verfolgung, Quellenverlust, fehlende Schriftform, innere Ambivalenz und spätere erinnerungsgeschichtliche Auswahl wirkten zusammen. Deshalb ist Augsburg 1527 nicht als unbedeutendes Ereignis zu verstehen, sondern als ein Ereignis, dessen Bedeutung keine dauerhaft tragfähige normative Form gewann.[1]

Die Verfolgung vieler Beteiligter erklärt einen wesentlichen Teil der schwachen Überlieferung. Haft, Hinrichtung, Flucht und Widerruf zerstörten personelle und organisatorische Kontinuitäten. Doch die Verfolgung erklärt nicht alles. Entscheidend ist auch, daß die Synode keine überlieferte Ordnung und keinen eigenen Beschlußtext hinterließ. Was in Augsburg verhandelt wurde, blieb nicht in einer Form erhalten, die spätere Täuferinnen und Täufer hätten zitieren, auslegen oder weiterführen können.[2]

Hinzu kam die innere Spannung des Treffens. Augsburg vereinte unterschiedliche Linien der frühen Täuferbewegung, ohne daß aus ihnen eine erkennbare gemeinsame Lehrform hervorging. Die gemeindlich-friedensethische Richtung, die mit Jakob Groß verbunden werden kann, stand neben der apokalyptisch zugespitzten Missionsbewegung um Hans Hut und der lokalen Augsburger Gemeinde um Dachser und Salminger. Gerade diese Überlagerung machte das Treffen historisch bedeutsam, aber traditionsgeschichtlich schwierig.[3]

Die Endzeiterwartung, besonders in der Richtung um Hans Hut, war dabei ein wichtiges Negativum. Sie war nicht der einzige Grund für die fehlende Traditionsbildung, wirkte aber als erhebliches Problem mit. Eine endzeitlich geschärfte Missionsbewegung, deren Gerichtserwartung politisch brisant deutbar war, ließ sich später nur schwer mit jenen täuferischen Selbstdeutungen verbinden, die stärker auf Gemeindeordnung, Eidesverweigerung, Schwertverzicht und leidensbereite Nachfolge ausgerichtet waren. Gerade deshalb durfte die apokalyptische Zuspitzung nicht übergangen werden, ohne sie zur alleinigen Erklärung zu machen.[4]

Der Vergleich mit Schleitheim zeigt den Unterschied. Schleitheim war ebenfalls eine Krisenordnung und keineswegs Ausdruck eines spannungsfreien frühen Täuferbewegung. Doch Schleitheim gewann eine feste Textgestalt. Diese Form ermöglichte spätere Aufnahme, Kritik und Traditionsbildung. Augsburg dagegen blieb ein Ereignis ohne vergleichbare normative Gestalt. Es wurde nicht als Bekenntnis erinnerbar, sondern vor allem als Leidensgeschichte.[5]

Die spätere Bezeichnung „Märtyrersynode“ ist daher doppeldeutig. Sie bewahrt die Erinnerung an das reale Leiden vieler Beteiligter. Zugleich verdeckt sie, daß das Treffen selbst keine klare Lehrtradition begründete. Das Martyrium machte Augsburg erinnerbar, aber nicht lehrhaft wirksam. Es ersetzte gewissermaßen die fehlende normative Überlieferung durch eine Opfererinnerung.

Wichtig bleibt zuletzt die Unterscheidung zwischen Augsburg als Ort und der Synode von 1527 als Ereignis. Augsburg verschwand nicht aus der täuferischen Geschichte. Die spätere Wirksamkeit Pilgram Marpecks zeigt, daß die Stadt weiterhin ein bedeutender Raum täuferischer Gemeindebildung und theologischer Arbeit blieb. Nicht Augsburg wurde traditionslos, sondern die Synode von 1527 wurde nicht zum normativen Ursprung.[6]

Die Augsburger Täufersynode von 1527 war damit kein Ursprungstext der Täuferbewegung, sondern ein früher Knotenpunkt seiner ungelösten Spannungen – erinnerbar vor allem durch das Leiden vieler Beteiligter, nicht durch eine dauerhaft tragfähige Lehrform.

 

Anmerkungen zu Kapitel 5

[1] Vgl. Christian Hege / Harold S. Bender, „Martyrs’ Synod“, in: Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online; außerdem „Augsburg“, in: MennLex V. Beide Darstellungen zeigen die historische Bedeutung des Treffens, zugleich aber auch die begrenzte Überlieferung.

[2] Vgl. Hege / Bender, „Martyrs’ Synod“; „Augsburg (Freistaat Bayern, Germany)“, in: Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online. Dort wird die fehlende erhaltene Aufzeichnung der Synode ausdrücklich hervorgehoben.

[3] Vgl. „Augsburg“, in: MennLex V; Hege / Bender, „Martyrs’ Synod“. Zu Dachser und Salminger als lokalen Augsburger Gestalten vgl. außerdem „Dachser“, in: Stadtlexikon Augsburg, sowie „Salminger, Sigmund“, in: Neue Deutsche Biographie / Deutsche Biographie.

[4] Vgl. Gottfried Seebaß, Müntzers Erbe. Werk, Leben und Theologie des Hans Hut, Gütersloh 2002; ergänzend „Hut, Hans“, in: MennLex V. Die Bewertung als „Negativum“ ist eine Deutung dieser Studie und meint die spätere Anschlußfähigkeit, nicht die vollständige Erklärung der fehlenden Traditionsbildung.

[5] Vgl. „The Schleitheim Confession of Faith“, in: Christian History Institute; „An Anabaptist Confession of Faith — The Schleitheim Articles (1527)“, in: German History in Documents and Images.

[6] Vgl. Martin Rothkegel, „Marpeck, Pilgram“, in: MennLex V. Dort wird Augsburg als Marpecks Wohnort von 1544 bis 1556 sowie als Raum seines verborgenen täuferischen Gemeindelebens genannt.

Die Person, die den Text verfasst hat, ist der Redaktion bekannt, möchte aber nicht genannt werden.
Sie weist darauf hin, dass sich der Text weit von einer endgültigen Fassung entfernt befindet und die Belege teils schwach sind. Sie beziehen sich auf Lexikonartikel und Überblicksdarstellungen.

Augsburger Täufersynode von 1527, Märtyrersynode.
Augsburger Täufersynode von 1527, auch als Augsburger Märtyrersynode bezeichnet.

 

Mennonitengemeinde Augsburg: Eine direkte Kontinuität von den Täuferinnen und Täufern des 16. Jahrhunderts in Augsburg zur heutigen Mennonitengemeinde Augsburg gibt es nicht. Mit der gewaltsamen Auslöschung der frühen Täuferbewegung in dieser Region erlosch auch die damalige Gemeinde in Augsburg. Erst nach 1800 kamen wieder amische und mennonitische Familien nach Bayern, deren Tradition in direkter Linie mit den historischen Täuferbewegungen verbunden ist. Diese Gemeinschaften lebten weit verstreut. Die Glieder, die weit westlich von Ingolstadt wohnten und zur Gemeinde um Ingolstadt hielten, bildeten 1912 aufgrund der großen Entfernungen und des Zuzugs neuer Gemeindeglieder eine eigene Diasporagemeinde mit zunächst Sitz in Donauwörth. 1926 wurde der Gemeindesitz nach Augsburg verlegt. Auf diese Entwicklung geht die heutige Mennonitengemeinde Augsburg zurück.