Mennoniten in Augsburg: Mennonitische Weltkonferenz eröffnet in Augsburg die Gedenkdekade „Renewal 2027“

Zum Auftakt dieser zehnjährigen Gedenkreihe der Mennonitischen Weltkonferenz kamen in Augsburg, der Hauptstadt des bayerischen Regierungsbezirks Schwaben, rund 200 Angehörige der täuferisch-mennonitischen Gemeinschaft aus aller Welt zusammen.

Mennoniten in Augsburg.
Mennoniten in Augsburg: Die Mennonitische Weltkonferenz traf sich in Augsburg.

Renewal 2027 – Dekade der Erinnerung und Erneuerung, in Augsburg eröffnet

Die Mennonitische Weltkonferenz (MWK) hat am 12. Februar 2017 in Augsburg die auf zehn Jahre angelegte Dekade „Renewal 2027“ („Erneuerung 2027“) eröffnet. Zur öffentlichen Auftaktveranstaltung mit dem Titel „Verändert durch das Wort – Die Bibel lesen aus täuferischen Perspektiven“ kamen rund 200 Teilnehmende im katholischen Tagungshotel Haus Sankt Ulrich zusammen, darunter etwa 80 internationale Delegierte der weltweiten täuferisch-mennonitischen Gemeinschaft. Damit versammelten sich erstmals seit 490 Jahren wieder Angehörige der Täuferbewegung zu einer internationalen Konferenz in Augsburg, diesmal mit Teilnehmenden aus aller Welt.

Die Wahl des Veranstaltungsortes Augsburg ist kein Zufall, sondern historisch begründet: Die damalige Freie Reichsstadt war ab 1526 eines der Zentren der frühen Täuferbewegung und nimmt daher einen bedeutenden Platz in der Geschichte jener freien Glaubensgemeinschaften ein, die auch heute dem Prinzip der Gewaltfreiheit verpflichtet sind. Im August 1527 kamen in der Fuggerstadt führende Persönlichkeiten der Täuferbewegung aus Süddeutschland, der Schweiz und Österreich zusammen. Um der Verfolgung durch den Augsburger Stadtrat zu entgehen, tagten sie an wechselnden Orten. Viele Teilnehmende wurden in der Folge gefangengenommen und hingerichtet. Das Treffen ging daher als „Märtyrersynode” in die Geschichte ein. Im Jahr 1528 wurde die Täuferbewegung in Augsburg gewaltsam zerschlagen, ihre Angehörigen wurden verfolgt oder aus der Stadt vertrieben.

Höhepunkt im Jahr 2027

Mit der Dekade „Renewal 2027“ erinnert die Mennonitische Weltkonferenz an die Anfänge der Täuferbewegung vor 500 Jahren und betont zugleich die weltweite „Geschwisterschaft“ der heutigen täuferisch-mennonitischen Gemeinden.

Der Höhepunkt der Gedenkdekade ist für das Jahr 2027 vorgesehen. Dieses Datum markiert zum einen den 500. Jahrestag des „Schleitheimer Bekenntnisses” vom Jänner 1527, das der frühen Täuferbewegung eine verbindliche Struktur gab, und zum anderen den Jahrestag der Augsburger Täufersynode „Märtyrersynode”. In diesen Zeitraum fällt 2027 zudem die 18. MWK-Vollversammlung. Sie soll den Abschluss der Dekade bilden und voraussichtlich in Afrika ausgerichtet werden.

Die Planung von Renewal 2027 liegt beim Exekutivkomitee der MWK. Ihm gehören Alfred Neufeld, Henk Stenvers, Rainer Burkart, Jantine Huisman, Arli Klassen, Lia Unger und John D. Roth an. Bereits im Februar 2016 hatte das Gremium die Ziele der Dekade festgelegt.
Dazu zählt unter anderem, das weltweite Glaubenszeugnis der Mennoniten durch theologische und historische Auseinandersetzungen mit der Reformation und der Täuferbewegung zu stärken sowie das Verständnis christlicher Nachfolge zu vertiefen. Weitere Ziele sind ein „rechtes Erinnern” an die eigene Geschichte im größeren Zusammenhang der täuferischen und christlichen Tradition, die Stärkung des Verbindenden zwischen den Mitgliedskirchen sowie die Vertiefung der ökumenischen Beziehungen zu anderen Kirchen.

Hinweis: Namensänderung in „Renewal 2028“ und Verschiebung um ein Jahr

Renewal 2028. Mennonite World Conference.

Die Vollversammlung der Mennonitischen Weltkonferenz wurde von 2027 auf 2028 verschoben. Daher verlängert sich auch die Dekade um ein Jahr und trägt nun den Namen Renewal 2028. Ihren feierlichen Abschluss bildet die 18. MWK-Vollversammlung im Jahr 2028 in Tansania.

Ursprünglich trug die Dekade den Namen Renewal 2027, auf Deutsch »Erneuerung 2027«. Die Jahreszahl 2027 bezog sich einerseits auf das Schleitheimer Bekenntnis von 1527 und andererseits auf die ursprünglich für 2027 geplante Vollversammlung der Mennonitischen Weltkonferenz, die den Höhepunkt und Abschluss der Dekade bilden sollte.

Mennoniten damals und heute

Die großen kirchlichen Umbrüche des 16. Jahrhunderts brachten nicht nur die lutherische und die reformierte Tradition hervor, sondern auch die wesentlich kleinere Täuferbewegung. Darauf verwies Alfred Neufeld, Vorsitzender der Kommission für Glauben und Leben der MWK und Leiter des Planungskomitees „Renewal 2027“.

Die Täufer hatten sich von der römisch-katholischen Kirche gelöst, gingen aber auch gegenüber den Reformatoren einen eigenständigen Weg. Ihr Ziel war Restitution der ursprünglichen christlichen Gemeinde im Hier und Jetzt, eine konsequente Nachfolge Jesu.

Von Anfang an hätten Täuferinnen und Täufer bestimmte Bereiche des christlichen Glaubens besonders hervorgehoben, die sie tief in der Bibel verwurzelt sahen. Neufeld nannte die persönliche Verpflichtung zur Nachfolge Jesu, die Taufe Erwachsener aufgrund des freien Bekennisses auf den Glauben hin und das gemeinschaftliche Lesen und Auslegen der Heiligen Schrift. Hinzu kamen die Verpflichtung zu Versöhnung und Feindesliebe sowie die Ablehnung einer Staatskirche.

Seither hätten sich Fragestellungen verändert. Welche Überzeugungen bleiben tragfähig? Was muss überdacht oder neu formuliert werden? Wo bestehen Lücken in der Theologie und in der Praxis der Mennoniten? Wo ist die Tradition erstarrt? Wo haben sich Formen eines falsch verstandenen Rückzugs aus der Welt oder gar narzisstische Tendenzen eingeschlichen?

Diese Fragen sollen während der zehnjährigen Gedenkreihe von Mennonitinnen und Mennoniten aus verschiedenen Ländern gemeinsam beraten und bearbeitet werden.

Dekade beginnt mit der Bibel

Zum Auftakt von „Renewal 2027“ in Augsburg steht das Thema „Verändert durch das Wort – Die Bibel lesen aus täuferischen Perspektiven“ im Mittelpunkt.

Rund 500 Jahre nachdem Martin Luther mit seinem Grundsatz „sola scriptura” – allein die Schrift – die Reformation angestoßen hatte, wollte die MWK auch untersuchen, wie täuferisch-mennonitische Gläubige in verschiedenen Teilen der Welt früher mit der Bibel umgegangen sind und welche Bedeutung die Heilige Schrift bis heute für sie besitzt.

Erklärt Neufeld, der auch Präsident der Protestantischen Universität Paraguays in Asunción und Dekan der dortigen Theologischen Fakultät ist.

Die Täufer deuteten die Bibel vielfältig

Der Theologe und Kirchengeschichtler Hanspeter Jecker vom Centre de formation et de rencontre Bienenberg in der Schweiz, Mitglied der MWK-Kommission für Glauben und Leben, sowie die Historikerin Astrid von Schlachta vom Mennonitischen Geschichtsverein in Weierhof/Deutschland befassten sich mit den vielfältigen Deutungen der Heiligen Schrift unter den damaligen Täuferinnen und Täufern.

Diese wollten die Bibel als mündige Christinnen und Christen selbst lesen. Für sie war es selbstverständlich, dass gerade auch einfache Menschen durch das Wort Gottes angesprochen wurden.

Kennzeichnend für die täuferische Bibellektüre war die Überzeugung, dass zum Verständnis des Gelesenen alle etwas beitragen konnten: Frauen und Männer sowie Menschen aus Wissenschaft und Handwerk. Niemand verfügte über die gesamte Erkenntnis; jede und jeder konnte etwas beisteuern.

„Verändert durch das Wort“ bedeutete für Täuferinnen und Täufer, offen für neue Einsichten zu sein, die aus der Begegnung mit Gott beim Schriftstudium erwuchsen – im persönlichen Leben, in der Gemeinde und im gesellschaftlichen Alltag. Diese Einsichten brachten sie häufig in Widerspruch zur offiziellen Kirche und zur Gesellschaft.

Ein Beispiel dafür ist die Überzeugung, dass die Nachfolge Jesu mit der Ausübung von Gewalt unvereinbar ist. Die meisten Täuferinnen und Täufer verweigerten daher den Kriegsdienst, wofür sie über Jahrhunderte hinweg verfolgt wurden – und in manchen Ländern heute immer noch werden.

Die beiden Vortragenden verschwiegen jedoch auch die Schattenseiten der täuferischen Schriftauslegung nicht. Dazu gehörten Rechthaberei, Buchstabengläubigkeit und abenteuerliche Endzeitspekulationen. So hätten einige Täuferinnen und Täufer im Frühjahr 1528 die Wiederkunft Jesu in Erfurt erwartet und seien sogar bereit gewesen, für das erhoffte Reich Christi zu den Waffen zu greifen.

Da kein Mensch alles wisse und jede menschliche Erkenntnis „Stückwerk“ bleibe, müsse die Bibel weiterhin gemeinsam gelesen werden. Dazu gehöre auch die Bereitschaft, sich von anderen korrigieren zu lassen. Die Tagung setzte diesen Gedanken praktisch um: Die Teilnehmenden lasen in kleinen Gruppen einen Abschnitt aus der Apostelgeschichte und legten ihn gemeinsam aus.

Junge Generation über Mission und Zukunft

Der Präsident der Mennonitischen Weltkonferenz, Nelson Kraybill aus den USA, stellte junge Erwachsene aus den Philippinen, Simbabwe, Paraguay, den Niederlanden und den Vereinigten Staaten vor. Sie alle tragen Verantwortung in ihren täuferischen Gemeinschaften.

Sie schilderten, was es in ihren Ländern bedeutet, dem Missionsauftrag der Bibel nachzukommen und anderen Menschen von Jesus zu erzählen. Eine zweite Gruppe junger Erwachsener aus Äthiopien, Guatemala, den USA, Spanien und den Philippinen sprach über die gegenwärtigen Herausforderungen ihrer Gemeinden und über mögliche Zukunftsperspektiven.

Ökumenische Ausrichtung

Kraybill unterstrich die ökumenische Ausrichtung der Gedenkdekade. Bei „Renewal 2027” gehe es auch um „die Versöhnung mit anderen Kirchen – darum, das Gemeinsame im Glauben an Jesus Christus herauszufinden”, sagte er.

Dass Mennoniten die Bibel gemeinsam mit Menschen anderer christlicher Konfessionen lesen können, zeigten die geladenen Gäste.

Luis Augusto Castro Quiroga, Erzbischof von Tunja und Vorsitzender der römisch-katholischen kolumbianischen Bischofskonferenz, berichtete über den Friedensprozess zwischen der Regierung und den Rebellengruppen FARC und ELN. Er würdigte besonders die Unterstützung durch den US-amerikanischen Friedensforscher John Paul Lederach von der University of Notre Dame in Indiana. Lederach ist Mennonit und berät die Bischofskonferenz.

Neben dem äußeren Frieden gehe es auch um den inneren Frieden, der nach biblischem Verständnis nur durch Barmherzigkeit und Vergebung möglich sei.

Heinrich Klassen, Vorsitzender des Bundes Taufgesinnter Gemeinden in Deutschland, erinnerte daran, dass die Bibel in der ehemaligen Sowjetunion ein kostbares Gut gewesen sei. Nur wenige Menschen hätten damals eine vollständige Ausgabe besessen.

Friederike Nuessel, Professorin für Systematische Theologie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und Mitglied der Kammer für Theologie der Evangelischen Kirche in Deutschland, sprach über Luther und die Verfolgung der Täuferinnen und Täufer durch Lutheraner. Während der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes im Jahr 2010 in Stuttgart haben sich der Lutherische Weltbund und die Mennonitische Weltkonferenz in einem Bußgottesdienst versöhnt.

Weitere Stationen der Dekade und ökumenischer Dialog

Zeitgleich mit der Eröffnung von „Renewal 2027“ tagte in Augsburg das Exekutivkomitee der Mennonitischen Weltkonferenz.

Bis zur 18. MWK-Weltversammlung, die Jahr 2027 in Afrika ausgerichtet werden soll, ist im Rahmen von „Renewal 2027“ jährlich eine Veranstaltung in einer anderen Region geplant. Die nächste ist Jahr 2018 in Kisumu, Kenia. Für das Jahr 2025 ist zudem eine besondere Feier in Zürich vorgesehen. Sie erinnert an den 500. Jahrestag der ersten Taufe auf das Bekenntnis auf den Glauben hin vom 21. Januar 1525, die als Beginn der Täuferbewegung gilt.

In Augsburg kam außerdem eine trilaterale Dialoggruppe mit Delegierten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, des Lutherischen Weltbundes und der Mennonitischen Weltkonferenz zu ihrer abschließenden Sitzung zum Thema „Taufe“ zusammen. Erzbischof Castro und Professorin Nuessel gehörten dieser Gruppe an.

Mennoniten weltweit

Zur Mennonitischen Weltkonferenz gehören aktuell insgesamt 110 mennonitische und Brethren-in-Christ-Mitgliedskirchen aus 61 Ländern sowie ein internationaler Verband. Sie vertreten rund 1,44 Millionen getaufte Gläubige in knapp 10.400 Gemeinden.

Weltweit zählt die täuferische Glaubensfamilie rund 2,06 Millionen getaufte Mitglieder – davon 53.871 in Deutschland, 1.860 in der Schweiz und 404 in Österreich. Nicht alle täuferischen Kirchen gehören der MWK an, insbesondere zahlreiche amische und konservativ-mennonitische Gemeinschaften in Nordamerika.

Mit der Eröffnung in Augsburg begann für Mennonitinnen und Mennoniten weltweit ein zehnjähriger Weg des Gedenkens und der Erneuerung – an einem Ort, der in ihrer Geschichte für Aufbruch und Verfolgung gleichermaßen steht.

Erstveröffentlichung am 20. Februar 2017 auf mennonitengemeinde.de, der dam. Webseite der Mennoniten-Gemeinde Augsburg. Von E. H.

 

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