Allein der Glaube? Allein die Gnade? Allein die Schrift?

Luthers Streit mit den Täufern oder Sind wir heute alle Lutheraner?

Aufgrund eines von Wolfgang Krauß eingebrachten Antrags unserer Gemeinde beschäftigte sich die letzte Mitgliederversammlung der Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden (AMG-MV) am 25.5.19 in Backnang mit den sog. Exklusivpartikeln und empfahl, dies ausführlich auf den Theologischen Studientagen im Oktober 2020 zu tun. Wolfgang hat dazu einen Artikel in der Zeitschrift „Die Brücke“ geschrieben und nun eine Serie, die bisher schon im Gemeindebrief der Mennonitengemeinde Ingolstadt veröffentlicht wurde.

Exklusivpartikel?

Exklusivpartikel! – Was bedeutet dieser theologische Spezialausdruck? Er bezeichnet zentrale Aussagen der lutherischen Reformation: Wir sind mit Gott versöhnt! Allein aus Gnade! Allein aus Glauben! Allein durch Christus! Allein die Schrift, also die Bibel, ist Quelle der Offenbarung Gottes! – Stimmt doch, wir sind mit Gott versöhnt! Gott ist uns in Christus gnädig! Der Glaube rettet uns! Wir orientieren uns an der Bibel! – Richtig! Es sind aber Exklusivpartikel, „exklusiv“ heißt „ausschließlich“. Nach Luther ist es also ausschließlich und allein Gottes Gnade, „sola gratia“, die uns rechtfertigt gegenüber Gott. Unsere Werke spielen dabei keine Rolle. „Sola fide“ – allein der Glaube an diese Gnade zählt vor Gott, nicht unser Handeln. „Solus Christus“ - allein Christus ist das Werkzeug dieser Rechtfertigung und nur die Heilige Schrift – sola scriptura – zählt als Quelle dieser Überzeugung.

Teilen wir diese Grundüberzeugungen?

Theologische Spezialfragen ohne praktischen Nutzen? Im Gegenteil. Es geht um die Frage, worauf unser Glaube und Handeln letztlich beruhen und welche Auswirkungen sie haben. Es geht um Bibelverständnis, Gottesbild, Menschenbild und letzlich darum, wer Jesus ist und wie wir ihn verstehen. Auf der Netzseite unserer Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden (AMG), www.mennoniten.de, heißt es: „Bis heute teilen Mennonitische Gemeinden diese zentralen ‚Exklusivpartikel’ mit allen anderen evangelischen Christen.“ Wirklich „alle“ evangelischen Christen? Ich kenne einige Evangelische, die die Sola-Worte infrage stellen. Geht es darin doch um die sog. Rechtfertigungslehre, die unter evangelischen Theologen seit längerem stark diskutiert wird. Auch viele Mennoniten und andere aus der Täuferbewegung kommende Christen stimmen nicht zu.

Eine ungebrochene Tradition?

Auch bei dem „bis heute“ runzle ich die Stirn. Es unterstellt eine ungebrochene Tradition. Doch führende Täufer stellten sich von Beginn an ausdrücklich gegen diese lutherischen Grundbehauptungen. Der Dissens reicht bis in die DNA der beiden reformatorischen Bewegungen. Dass sie gerade hier anderer Meinung waren, erklärt vielleicht ein Stück der Wut, die Luther und mit ihm verbundene Reformatoren gegen die Täufer richteten. Die täuferischen Theologen des 16. Jahrhunderts waren in vielen Fragen uneins: Nicht alle waren Pazifisten, nicht alle für strikte Gemeindedisziplin, nicht alle für Gütergemeinschaft und gegen Privateigentum, nicht alle betonten den Geist, nicht alle waren für Distanz zur Obrigkeit. Aber alle standen sie kritisch zu den lutherischen Allein-Sätzen. Ihre diametral andere Überzeugung begründeten sie aus dem Neuen Testament und ihrer daraus gewonnenen Grundeinsicht, Glaube führe in die Nachfolge Jesu und habe etwas mit unserem Handeln in seinen Fußstapfen und seinem Geist zu tun.

Die innere Logik unserer Theologie

So etwas wie Übereinstimmung mit den Grundaussagen lutherischer Theologie kam wohl erst auf, als die Mennonitengemeinden begannen, lutherisch ausgebildete Prediger anzustellen oder sich dem Pietismus zu öffnen. Unsere Theologie entfremdete sich zunehmend von ihren ursprünglichen Grundlagen, verlor ihren Zusammenhalt und ihre innere Logik. Weshalb etwa die Gewaltfreiheit bald zu einem haltlosen Prinzip wurde. Sie fand keinen Halt mehr im Gesamtkontext mennonitischer Theologie und Existenz.

Die vier Sola-Aussagen sollen in den kommenden Ausgaben des Gemeindebriefes aus der Sicht verschiedener täuferischer Theologen diskutiert werden. Dabei sollen unterschiedliche Strömungen zu Wort kommen und mit den heutigen Lesern und Leserinnen ins Gespräch gebracht werden.

Wolfgang Krauß

Nächste Folge: Christus allein lassen?

 

Hinweis:
Theologische Studientagung der AMG, 4.-8.10.2020, 29320 Hermannsburg
Radikale Reformation und protestantische Exklusivpartikel
Referenten: PD Dr. Astrid von Schlachta, Prof. Dr. Martin Hailer, Dr. Alejandro Zorzin

Quelle: Aus dem Gemeindebrief 1/2020