Und wer nicht lesen kann?

Luthers Streit mit den Täufern oder Sind wir heute alle Lutheraner?

Unsere Serie zu den sog. Exklusivpartikeln der lutherischen Reformation widmete sich das letzte mal dem „Solus Christus - allein Christus“. Diesmal geht es um das „Sola Scriptura – allein die Schrift!“ Nur die Bibel soll gelten als Grundlage des Glaubens. Was hielten die frühen Täufer von diesem Grundsatz? Gerade sie werden oft als Biblizisten bezeichnet. Als Leute, die sich ganz nach der Bibel richten, die auch ihr Leben daran ausrichten. Sie gar wörtlich nehmen. Waren die Täufer also Vertreter des Schriftprinzips? Wie stehen wir dazu?

Sola Scriptura

Sola Scriptura – allein die Schrift! War das nicht auch ein Kampfruf der Täufer? Hat nicht Michael Sattler in seinem Prozess sich auf die Schrift berufen und Widerruf angeboten, sollte er daraus belehrt werden? Doch über die Bibel wollte das Gericht damals nicht mit ihm reden. Vielmehr hieß es: „Der Henker wird mit dir disputieren!“ So wurde er am 20. Mai 1527 in Rottenburg am Neckar verbrannt.

Stich von Jan Luyken im „Märtyrerspiegel“

„Sola Scriptura“ wollten sie nicht unterschreiben. Dennoch waren die Täufer eifrige Bibelleser. Auch im Boot hier bei Amsterdam. - Pieter Pieters wird 1569 verbrannt, weil sein Boot illegalen Versammlungen diente. Wie in Augsburg das Haus Susanna Daucher. - Stich von Jan Luyken im „Märtyrerspiegel“

Auf mennoniten.de heißt es „Sola Scriptura: die Schriften des alten und neuen Testaments sind alleinige Richtschnur für den Glauben und für die Gestaltung eines Lebens in der Nachfolge Jesu“. Der zweite Teil geht über das lutherische Verständnis hinaus in Richtung täuferischer Akzent. Die frühen Täufer würden wohl zustimmen, würde das Wörtchen „alleinige“ gestrichen. Für sie hatte die Bibel einen hohen Wert, sonst hätten Ludwig Hätzer und Hans Denck nicht als erste die alttestamentlichen Propheten aus dem Hebräischen ins Deutsche übersetzt. Hans Denck schreibt Ende 1527: „Die Heilige Schrift halte ich über alle menschlichen Schätze“, und fährt fort, „aber nicht so hoch wie das Wort Gottes“. Das Wort Gottes sei Geist, nicht Buchstabe, es sei ohne Feder und Papier geschrieben. Die Seligkeit sei nicht an die Schrift gebunden, sonst könnten weder Ungelehrte selig werden, die nicht lesen können, noch Menschen in von der christlichen Verkündigung unerreichten Ländern.

Die Heilige Schrift halte ich über alle menschlichen Schätze, aber nicht so hoch wie das Wort Gottes, das da lebendig, kräftig und ewig ist, welches aller Elemente dieser Welt ledig und frei ist. Denn wenn es Gott selber ist, so ist es Geist und kein Buchstabe, ohne Feder und Papier geschrieben, so dass es nimmer ausgetilgt werden kann.
Hans Denck, 1527

Äußeres und inneres Wort

Im täuferischen Verständnis ist die Bibel also nicht das Wort Gottes. Sie gibt jedoch Zeugnis vom Handeln Gottes. Zum äußeren Wort der Bibel muss das innere Wort Gottes kommen, das er in die Seele der Menschen spricht. So Johannes Umlauf vor Gericht in Regensburg. Die Schrift sei nach Joh 5, 39 nicht selbst Gottes Wort, sondern zeuge davon. Man solle die Seligkeit dem inneren lebendigen Wort Gottes allein zuschreiben und nicht an äußeres Wort oder Schrift binden, wie nützlich diese auch seien, wenn Gott ihren Sinn offenbare. Manche Täufer werfen den lutherischen „Schriftgelehrten“ sogar vor, sie würden die Bibel zum neuen Götzen machen. Der Geist Gottes offenbart sich auch unabhängig vom Wort der Schrift, den Menschen, die sich ihm öffnen und mit Jesus unterwegs sind. Nicht alle Täufer wollten so weit gehen wie Hans Denck, aber dem Wirken des Geistes standen sie doch insgesamt weit offener gegenüber als die lutherische Reformation. In vielen Städten und Dörfern trafen sich Schwestern und Brüder in Bibellesekreisen. Sie lasen miteinander die Bibel, sprachen über ihr Zeugnis und seine Bedeutung für ihr Leben. Mancherorts waren es Gelehrte, wie Hans Denck, die die Bibel in griechisch oder hebräisch miteinander lasen. Anderswo wurde der Bibeltext vorgelesen, weil viele Anwesende nicht lesen konnten. Doch hören und mitreden konnten und durften alle.

Wolfgang Krauß

Fortsetzung folgt. Nächste Folge: „sola gratia“.

 

Hinweis:
Theologische Studientagung der AMG, 4.-8.10.2020, 29320 Hermannsburg
Radikale Reformation und protestantische Exklusivpartikel
Referenten: PD Dr. Astrid von Schlachta, Prof. Dr. Martin Hailer, Dr. Alejandro Zorzin

Quelle: Aus dem Gemeindebrief 3/2020