Keine Zeit für Ausreden!

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Warum Ziviler Widerstand wirkt

Keine Zeit für Ausreden … Warum Ziviler Widerstand wirkt. Ostermarschrede Augsburg 16.4.2022

Ostermarschrede Augsburg, Warum Ziviler Widerstand wirkt.

Protokoll zur Rede

Keine Zeit für Ausreden – Warum Ziviler Widerstand wirkt

„Jetzt ist keine Zeit für Ausreden, jetzt ist die Zeit für Kreativität und Pragmatismus“, sagte Annalena Baerbock als sie Anfang der Woche dafür plädierte, schwere Waffen in die Ukraine zu liefern.

Kreativität für Waffenlieferungen? Der uralte Vorrang militärischen Denkens. Übliche Reaktion seit Jahrtausenden. Solches Denken hat uns in die atomare Abschreckung geführt, die Drohung gegnseitiger nuklearer Vernichtung als Sicherheitskonzept. Sehr kreativ und pragmatisch!

Es hat in der Ukraine viele spontane Aktionen gewaltfreien zivilen Widerstandes gegeben und gibt sie noch. Unbewaffnete Gruppen oder gar Einzelne blockieren Panzer. Tägliche Protestdemos in besetzten Städten. – Weißrussische Eisenbahner verhindern Waffen- und Truppennachschub durch Sabotage an Gleisanlagen und Zügen. Unsere Leitmedien berichten darüber nur am Rande: mutig, aber irrelevant. Was zählt sind die militärischen Aktionen, die Waffen.

Kreativität? Ja! Pragmatismus?Ja! Beides gehört zur Vorgeschichte der Gewaltfreiheit in diesem Krieg. Die Maidanbewegungen 2004 und 2013/14 waren weitgehend gewaltfrei. Ohne lange Vorbereitung oder Schulung. Auf die Widersprüche dieser Bewegungen kann ich hier nicht eingehen.

Schlimm genug, dass unsere Regierenden, keine Ahnung haben von militärischen Zusammenhängen. Schlimmer noch, dass sie so gar nichts wissen wollen von der Wirksamkeit  gewaltfreien Handelns.

Ältere und neuere wissenschaftliche Studien werden nicht zur Kenntnis genommen. Etwa die 2011 veröffentlichte Untersuchung „Why Civil Resistance Works“ (Warum ziviler Widerstand funktioniert). Die Politikwissenschaftlerinnen Erica Chenoweth und Maria Stephan untersuchen darin mehrere hundert Protestbewegungen des 20. Jahrhunderts mit maximalistischen Zielen (Ende einer Besatzung, Unabhängigkeit eines Territoriums oder Wechsel des Machthabers). Sie kamen zu einem sie selbst überraschenden Ergebnis: gewaltfreie Bewegungen sind im Schnitt etwa doppelt so erfolgreich wie gewaltsame (53% im Vergleich zu 25%). OK, auch sie können scheitern. Manchmal machen sie auch nur vorläufig eine Pause. Wie jetzt vielleicht in Weißrussland. Im gegenwärtigen Widerstand der Eisenbahner u.a. Aktivisten sehe ich ein hoffnungsvolles Zeichen.

Die Studie macht aber eine weitere überraschende Beobachtung: selbst wenn sie scheitern weisen die langfristigen Konsequenzen gewaltfreier Bewegungen eher Richtung Demokratie, während gewaltsame gescheiterte und erfolgreiche Revolutionen die Chancen von Bürgerkriegen oder Diktaturen erhöhen.

Diese empirischen Erkenntnisse widerlegen die weitverbreitete, in Medien und Regierungserklä-rungen unhinterfragte Annahme, gegen skrupellose Autokraten helfe nur Gewalt. Im Gegenteil, die Entscheidung auf die militärische Verteidigung zu setzen, reduziert die Erfolgschancen! Wäre das nicht Grund genug, die Logik gewaltfreien Widerstands ins Zentrum einer realistischen Politik zu stellen?  

Hätte die Ukraine das neue Indien werden können? Dort wurde der brutale britische Kolonialmacht 1947 nach jahrelangem gewaltfreien Kampf vertrieben. Braucht es einen neuen Gandhi? Warum nicht!?

Was es aber braucht, das Wissen und die Fähigkeit zum gewaltfreien Widerstand muss verbreitet werden. Schulung in Theorie und Praxis, starke organisatorische Strukturen. Gewaltfreie Wehrkunde in den Schulen. Ein Basistraining für alle. Und Ja, 100 Mrd könnten für den Anfang nicht schaden.

Auf diese Regierung brauchen wir dabei nicht zu warten. Zivile gewaltfreie Verteidigung hat neben vielem anderen den Vorteil, dass jeder und jede und jede Gruppe einfach damit beginnen kann. So wie das Klimacamp hier in Augsburg einfach von einigen Leuten begonnen wurde. Zu geringen Kosten können wir es selber machen. Fangen wir damit an.

Heute abend beginnt Pessach, das Fest der Befreiung Israels aus der Sklaverei. Wer den Bericht im Buch Exodus, 2. Mose, informiert liest, entdeckt eine erstaunliche Reihe gewaltfreier Aktionen und Strategien: etwa Nichtzusammenarbeit mit den Mächtigen.  Die Juden feiern Pessach und erinnern damit jedes Jahr an den vor 3000 Jahren erfolgreichen Befreiungskampf. Viele biblische Erzählungen erschüttern den mächtigen Mythos von der erlösenden Gewalt. Auch das Motto der DDR-Friedensbe-wegung stammt aus der Bibel: Schwerter zu Pflugscharen.

Heute Nacht beginnt Ostern. Das Fest der Auferstehung Christi. Auch er ein gewaltfreier Kämpfer. Jesus inspirierte Gandhi und Martin Luther King. Aber das ist eine andere Geschichte. Friede seit mit euch! So grüßte der aufständische Auferstandene seine Jüngerinnen und Jünger! Der Kampf geht weiter. Friede sei mit euch!

Wolfgang Krauß, Mennonitengemeinde

Mehr zu „Why Civil Resistance Works“ (Warum ziviler Widerstand funktioniert).

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