Erinnerung an die Täuferversammlung 1528

In Erinnerung an die Osterversammlung in Augsburg

Ansprache aus Anlass des Jahrestages der Osterversammlung 1528, an Ostersonntag 2020

Wir feiern heute Ostern, am 12.4.2020. Ein seltsames Ostern, wie wir es noch nie gefeiert haben. Wir dürfen nicht beisammen sein. Im ganzen Land und vielen anderen Ländern sind Gottesdienste verboten. Nicht weil die Regierungen etwas gegen die Kirchen hätten, das gibt es auch, etwa in Nordkorea, Saudiarabien und in anderen Ländern. Das hat es oft genug in der Geschichte gegeben. Etwa auch im 16. Jahrhundert, als die Mächtigen etwas gegen diejenigen hatten, die gerade die Nachfolge Jesu neu entdeckt hatten. Nein, hier und heute ist es ein Virus (Corona, Covid-19). Und wir sind einverstanden mit den Einschränkungen des öffentlichen Lebens, auch der Gottesdienste. Es gab diese Woche Gerüchte über einen illegalen Ostergottesdienst in Heidelberg. Ich weiß nicht was dran ist. Unsere Gottesdienste sind ja auch nicht wirklich verboten, sonst dürften wir uns auch im Internet nicht treffen.

1528 waren nicht nur die Versammlungen der Gartengeschwister (Täufer) verboten, fast überall in Mitteleuropa, auch hier in Augsburg. Sie wurden ausgegrenzt, geschlagen, ausgewiesen, ja, aus der Stadt hinausgepeitscht. Viele wurden gefangengesetzt, gefoltert und gequält, am Ende verurteilt und hingerichtet. Ihre Richter und Henker meinten, damit den Willen Gottes zu vollstrecken, die Strafe Gottes zu vollziehen. Die Strafe für abweichendes Verhalten, denn sie brachten ihre Kinder nicht zur Taufe. Die Strafe für Ketzerei und Gotteslästerung, dass Kirche und Staat getrennt sein sollten, die Strafe dafür, dass sie meinten, für den Glauben müsse man sich frei entscheiden, die Strafe dafür, dass sie keine Gewalt üben wollten, auch nicht im Dienste der Obrigkeit. Sie selber wollten den Weg Jesu gehen, in seiner Nachfolge unterwegs sein. So nahmen sie das Leid und die Gewalt, die sie erfuhren, als etwas „Normales“ für die Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu. Sie folgten ihm auch im Kreuztragen.

Vorgestern waren wir zu Karfreitag zusammen hier am Bildschirm. Wir verabredeten, uns zur Feier der Auferstehung wieder zu treffen. Stellen wir uns also vor, wir stehen vor dem Haus der Susanna Daucherin am Ende des Schleifergässchens im Lechviertel. Wahrscheinlich blüht der Zierkirschenbaum. Es ist noch früh vor Sonnenaufgang. 100 Geschwister sind gekommen.

Der 12. April das war auch 1528 ein Sonntag, der Ostersonntag. Damals vor 492 Jahren. Und Ostern wurde zu Karfreitag damals vor 492 Jahren. 100 Personen versammeln sich also zu einem illegalen Gottesdienst. Es muss sehr eng gewesen sein mit so vielen Leuten. Susanna Daucher, die Frau des bekannten Augsburger Bildhauers Hans Adolf Daucher, hatte ihr Haus für die Zusammenkunft geöffnet.

Bewaffnete Stadtknechte hatten sich versteckt um das Haus postiert. Das schien den Versammelten bekannt. Denn die Leiter Georg Nespitzer, Jörg von Passau, und Hans Leupold warnten mehrfach vor der drohenden Gefahr und gaben Gelegenheit das Haus zu verlassen. 12 Teilnehmer gingen denn auch. Die meisten blieben. Nach etwa einer Stunde schlug die Stadtwache zu. Sie sprengte die Versammlung und verhaftete 88 Frauen und Männer, darunter 43 Auswärtige. Die Verhafteten wurden in Eisen gelegt und jeweils zu zweit, gefangen ins Rathaus geführt.

39 stadtfremde Täufer wurden schon am nächsten Tag ausgewiesen. Die einheimischen wurden ausführlich, wie damals üblich auch unter Folter, verhört. Kein geringerer als Stadtschreiber Konrad Peutinger leitete die Verhöre. Alle Namen, ihre Herkunft, und andere Fakten können wir in den Akten im Stadtarchiv noch heute nachlesen. Vor einigen Jahren haben wir die Namen am Jahrestag mal vor dem Daucherhaus verlesen. Die Befragten, mühten sich niemand zu belasten. Das wird aus den Mitschriften deutlich. Dennoch wurden aufgrund abgepresster Informationen in den nächsten Tagen 72 weitere Täufer festgenommen.

Die meisten wurden schließlich ausgewiesen. Manche durch ein Brandzeichen auf die Backe als Ketzer gekennzeichnet. Einer der Vorsteher der Gemeinde, Hans Leupold, wurde zwei Wochen später am 25. April 1528 „aus Gnaden“ mit dem Schwert hingerichtet. „Aus Gnaden“ weil die Enthauptung die wesentlich mildere Todesstrafe war gegenüber dem möglichen Tod auf dem Scheiterhaufen.

Daucherhaus Augsburg, Bildhauer Hans Adolf Daucher

Was wissen wir über Susanna Daucher, Gastgeberin der Versammlung? In Abwesenheit ihres Mannes, der Bildhauer Hans Adolf Daucher hatte große Aufträge in Wien zu erledigen, war Susanna Daucher zu den Gartengeschwistern gestoßen, hatte sich taufen lassen, wie auch ihre Mutter und ihre Schwester. Im Verhör durch Peutinger sagt sie aus, viele Bräuche der Täufer in Augsburg seien ihr nicht bekannt, so das Markieren der Häuser mit einem Kreidekreis an der Tür. Sie habe erst im Gefängnis erfahren, dass man ihre Haustür für die Osterversammlung so markiert habe. – Sie weigert sich zu widerrufen.

Susanna Daucher Gedenktafel
Susanna Daucher Gedenktafel mit hinzugefügtem Lila Label

Der Verruf, die Ausweisungsverfügung der Stadt, hat folgenden Wortlaut: Susanna Daucher/in, genannt Adolfin von Augsburg, hat gegen die getreue Warnung, die der ehrbare Rat der Stadt Augsburg hat verkünden und anschlagen lassen, die besagt, dass niemand die Wiedertaufe annehmen sollte, dass zusammenkommen und sich versammeln von Wiedertäufern verboten ist und mit Leibes- oder Lebensstrafen bestraft wird, die Wiedertaufe angenommen. Sie hat Wiedertäufern zu essen gegeben, sie mit Speis und Trank versorgt, in ihrer Wohnung hat sie eine verbotene Versammlung zugelassen und Versammlungen an anderen Orten besucht. Darum hat dieser Rat beschlossen, dass sie mit dem Brand auf ihren Backen bezeichnet werden sollte. Da sie aber schwanger ist, wurde sie begnadigt, damit sie aus der Stadt geführt werde. Ihr Leben lang darf sie nicht mehr in dasselbe Gebiet kommen, auch nicht in einen Umkreis von sechs Meilen. Danach habe sich jedermann zu richten. Gegeben am 21. April Anno 1528.

Ihre Schwester Maxentia Wissinger, Ehefrau eines Goldschmiedes sagt: „sie schäme sich nicht, Gott zu loben, habe sich dem Herrn ergeben und ginge für ihren Glauben lieber ins Gefängnis als anderswie zu sterben.“

Außer Susanna Daucher mussten auch andere Frauen für ihren Glauben die Stadt verlassen: Mit glühenden Eisen auf die Backen gebrannt wurden: Dorothea Fröhlich, genannt Zieglerin, die Botin Scholastika Stierpaur, sowie der Tagwerker Thomas Paur.

Über die Huckerin, also Kleinhändlerin, die Waren aus ihrer Hucke (Rückentrage) verkauft, Elisabeth Heggenmiller, heißt es in den städtischen Akten: ... aus Ursachen, dass sie zu den Versammlungen gegangen, Zusammenrottungen besucht, die Wiedertaufe selbst angenommen und das Nachtmahl Christi geschmäht hat, [soll ihr] die Zunge abgeschnitten [werden] und [sie] anschließend zur Heilung wieder in Eisen gelegt und dann aus der Stadt geführt [werden].

Vier Strophen eines Liedes, das Hans Leupold, Vorsteher der Augsburger Täufergemeinde, der Überlieferung nach in den letzten Stunden vor seiner Hinrichtung am 25. April 1528 schrieb:

1. Mein Gott, dich will ich loben
in meiner letzten Stund,
im Himmel hoch dort oben
mit Herzen und mit Mund!
O Herr, du bist der rechte zart,
stärk du mir meinen Glauben,
jetzt muß ich auf die Fahrt!

2. Wollst mein in Gnad gedenken
in diesem letzten Streit!
Mein‘ Geist will ich dir schenken,
zu dir hab ich ein Freud.
Christe, hilf mir das Kreuz bestehn,
vergib ihn‘, Vater im Himmel,
sie wissen nicht was sie tun!

6. Ich bitt euch all, ihr Lieben,
vertrauet all auf Gott!
Laßt euch auch nicht betrüben
durch meinen bittern Tod.
Denn Gott wird es uns lohnen wohl,
wir müssen ja doch gehen
aus diesem Jammertal.

8. Wer hier sein Gab’ will legen
auf Christi Altar schon,
soll seinen Nächsten segnen
und sich versöhnen froh.
Deswegen bitt ich dich, o Gott,
wollst denen doch verzeihen,
die mich geben in den Tod.

Was provozierte die damalige Stadtobrigkeit und die reformatorische Geistlichkeit zur Verfolgung der Täufer? War es der Anspruch der Versammelten, ihr Leben als einzelne und als Gemeinde ganz nach Wort und Beispiel Jesu auszurichten? War es ihr Versuch, die Feindesliebe Jesu gewaltfrei zu leben? War es ihre Weigerung neugeborene Kinder taufen zu lassen, weil sie überzeugt waren, dass zur Taufe eine bewusste Entscheidung für Christus gehört? Und dass der Leib Christi aus lebendigen Gliedern bestehen solle? Oder war es einfach die Tatsache, dass hier eine weitere Konkurrenz entstand, die gefährlich erschien. Immerhin sollen kaum noch Leute zu den Predigten des Reformators Urban Rhegius gekommen sein.

Hans Leupold schreibt ein Loblied vor seiner Hinrichtung, in zwei Strophen bittet er um Vergebung für seine Feinde, seine Richter und Henker, wohl auch für Conrad Peutinger, der inzwischen seine anfänglich maßvolle Politik der Duldung auch der Gartengeschwister gegen Verfolgung und Vertreibung getauscht hatte.

Die in den Vorjahren bis zu 1000köpfige Täufergemeinde konnte sich von diesem Schlag, dieser Osterversammmlung  die zu einem Tag des Leidens, einem Karfreitag geworden war, nicht wirklich erholen. Es trafen sich zwar weiter kleine Gruppen in Häusern und Gärten der Stadt und in der Umgebung. Doch die weitere Politik des Rates und die politische Gesamtsituation ließen eine freie oder auch nur eine dauerhafte Untergrundexistenz nicht zu.

400 Jahre später hat Dietrich Bonhoeffer als lutherischer Theologe das Thema Nachfolge durchdacht, durchlebt und durchlitten. Gründonnerstag wurde seiner Hinrichtung am 9.4.1945 gedacht. Bonhoeffers letzte Worte vor seiner Hinrichtung am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg: „Das ist das Ende, für mich der Beginn des Lebens. Ich glaube an die universale christliche Brüderlichkeit über alle nationalen Interessen hinweg, und ich glaube, dass uns der Sieg gewiss ist."

Am Freitag dieser Woche ist der Hinrichtung des katholischen Priesters und Pazifisten Max Josef Metzger zu gedenken. Heuer leider nicht wie sonst jedes Jahr an Stele vor dem Augsburger Dom. Metzger war verhaftet und am 17.4.1944 hingerichtet worden, weil er ein demokratisches Deutschland in einem vereinten Europa entworfen hatte. Er deutet seinen Tod als von ihm „angebotene[s] Lebensopfer ... für den Frieden der Welt und die Einheit der Kirche“. „Möge er  [Gott] es so annehmen und segnen! Ich gehe mit frohem Herzen in den Tod – nein, ins Leben …“

Hans Leupold, Vorsteher der Gemeinde, ist seit der Osterversammlung in Haft und wird verhört. Das Urteil gegen ihn lautet, er solle aus Gnaden mit dem Schwert vom Leben zum Tod gerichtet werden. Als es ihm vor dem Rathaus verlesen wird, ruft er:
„Nicht also Ihr Herren von Augsburg, sondern aus dem Tod zum Leben!" Am selben Tag, dem 25.4.1528, wird er enthauptet.

Am Tag zuvor, dem 24.4.1528, werden fünf Täufer aus Leitershofen, südlich von Augsburg durch Täuferjäger des „Schwäbischen Bundes“ nach Weißenhorn entführt. Der Augsburger Patrizier Eitelhans Langenmantel, sein Knecht Hermann Anwalt, dessen Frau Margareta, sowie Bernhard Zirgkendorfer und Hans Pfefferlin, zwei Handwerker aus Göggingen, werden verhört und gefoltert. Nach erpresstem Widerruf werden die Männer am 11.5.1528 ohne Prozess enthauptet. Die Magd Margareta wird ertränkt.

Es gibt in Augsburg noch ein Nachspiel: die Anwesenheit und das Wirken Pilgram Marpecks. 1544 kommt er als „Mechanikus“ bei der Stadt unter Vertrag, ab 1546 arbeitet er als „Werkmann“ an der Verbesserung der städtischen Wasserwirtschaft und Flößerei. Er bleibt 12 Jahre in Augbsurg, bis zu seinem Tod 1556. Er leitet eine kleine Gemeinde, die sich nach seinem Tod zerstreut.

Der Plan Gottes umfasst das Leiden Christi und das Leiden derer, die ihm nachfolgen. Doch der Plan Gottes ist mit Karfreitag nicht zu Ende. Die Jünger Jesu begegnen ihm als dem Auferstandenen. Die Täuferbewegung wurde nicht völlig vernichtet. Unsere Gemeinden haben bis heute überlebt.

Wir leben heute in einer anderen Zeit. Die Gesellschaft hat sich verändert. Sie ist pluralistisch und multikulturell. Der Staat ist weltanschaulich neutral. Niemand wird wegen seiner Religion und Gewissensüberzeugung gezwungen, etwas zu tun oder zu lassen. So jedenfalls steht es im Grundgesetz. Heute zwingt uns ein Virus. Besser gesagt, zwingt uns die Reaktion der Obrigkeit. Die Gottesdienste sind verboten und wir sehen ein warum. Die freie Religionsausübung wandert ins Kämmerlein oder ins Internet. Mit den anderen Kirchen, auch denen, die damals die Obrigkeit zur Verfolgung der Täufer anstifteten, sind wir versöhnt und in guter Gemeinschaft, wir arbeiten in der ACK zusammen und wenn es mal knirscht, läässt sich darüber reden.

Augsburg sieht sich als Stadt des Friedens. Ob wir am 8. August wieder im Ökumenischen Gottesdienst und auf dem Rathausplatz das Hohe Friedensfest feiern können? Gott gebe es! Amen.

Wolfgang Krauß
Augsburg, am 12.4.2020 - online Versammlung

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